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Hamburger  Jurist  Senator  Dichterfürst

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Barthold Heinrich Brockes

Johann Jacob Haid, Barthold Heinrich Brockes

Joh. Jacob Haid nach Balthasar Denner

22. 9. 1680 Hamburg 16. 1. 1747

„ Ihm ist die Poesie eine Herzenssache, und er bahnt ein näheres und innigeres Verhältnis zur Natur wieder an; außerdem hat er mit seinem kunstgeübten Sinn viel zur Veredelung und Hebung der poetischen Sprache und zu einer gewandteren Behandlung des Metrums gethan. Auch ist es sein Verdienst … als einer der ersten auf die englische Litteratur hingewiesen zu haben, welche später einen so bedeutenden Einfluß auf die unsere ausüben sollte “

(Robert Koenig, Deutsche Literaturgeschichte, 4. Auflage, 1879, 283 ff. nebst Porträt).

Brockes  Aufgalopp  fruchtbaren  Miteinanders  Ridinger

Johann Elias Ridinger, Titelkupfer der Betrachtung der Wilden Thiere

Titelkupfer  der  41blätterigen  Suite  der  Betrachtung der wilden Thiere

Th. 195  –  34,7 x 43 cm

–  hiesige Angebots-Nrn. 15.395 / EUR 470 bzw. 15.582 / EUR 390  –

 

Johann Elias Ridinger, Titelblatt der Fabel-SuiteJohann Elias Ridinger, Die durch erdichteten Vorwand unterdrückte Unschuld

Einzelblätter  der  20blätterigen  Suite  hier  aufliegend

Brockes — Ridinger

Eine Nord–Süd–Freundschaft im Verborgenen

Dem einen fiel bei seinem mehr als mittelmäßigen Ulmer Lehrherrn Resch die Decke auf den Kopf, sodaß er Pläne entwarf, „dem Letzteren durchzubrennen und nach Italien zu marschieren“, woraus aus Mangel am Nötigen indes nichts wurde.

Letzteres war dem anderen erfreulich ebenso reichlich beschieden wie die Muße, die er sich ließ, dem Ernst des Lebens nachzupirschen. Er reiste denn auch, unter anderem, nach Italien.

Italien also als künstlerisches Bindeglied. Wäre da nicht weit mehr Gemeinsames, das die beiden einander verband und sie zu gemeinsamer Arbeit zusammenführte. Immerhin den (Noch-) Barockdichter des Nordens und den dieser Poesie in so vielen eigenen Untertexten selbst anhängenden süddeutschen Meister, der zunächst, gleich Brockes, sein Jahrhundert mitprägte, um in noch größerem Nachruhm zum Doyen der Jagd- und Naturschilderer aller Zeiten aufzusteigen.

Brockes seinerseits war von Jugend auf dem Zeichnen und der Musik zugetan und beide Vorlieben kultivierte er auf seinen ausgedehnten Reisen, die die Hälfte seiner 1704 beendeten Studienjahre ausfüllten. Seine erste gedruckte Poesie, ein Hochzeitsgedicht für Freund Vegesack, fiel erst ins Jahr 1708. Aber einmal entdeckt, wurde ihm die Dichtkunst zum Sprachrohr dessen, was ihn Zeit seines Lebens erfüllte: die Liebe zur Natur und deren Schöpfer.

„ Wenn ich aber gar bald gewahr ward, daß die Poesie, wofern sie keinen sonderlichen und zwar nützlichen Endzweck hätte, ein leeres Wortspiel sei … als(o) bemühete ich mich solche Objecte meiner Dichtkunst zu erwählen, woraus die Menschen nebst einer erlaubten Belustigung zugleich erbauet werden möchten. Da ich … nachgehends aber durch die Schönheit der Natur gerühret, mich entschloß, den Schöpfer derselben in fröhlicher Betrachtung und möglicher Beschreibung zu besingen … und so wohl mich selbst als andere zu des weisen Schöpfers Ruhme durch eigenes Vergnügen je mehr und mehr anzufrischen “

bekennt er in seiner Selbstbiographie. „Die Poesie, und zwar jene malende und moralisirende, (wurde) für ihn eine Art von Gottesdienst“, wie Redlich in der ADB (III, 1876, SS. 345 f. per Brokes [Brockes]) treffend resümierte. Sie war sein Lebensinhalt, gleich, ob er nun der Juristerei nachging, dem Amte von Ritzebüttel (Cuxhaven) vorstand (1735-1741)

Gustav Schönleber, Schloß Ritzebüttel

Schloß R., Holzstich nach Gustav Schönleber  (1880/81.) 17,5 x 8,9 cm.

Angebots-Nr. 8.310 / EUR 46
Beidseits fortlaufender landeskundlicher Text.

„ Der hier residierende Amtmann, immer ein Hamburger Senator, und einmal auch … der Dichter Brockes, hat einen Verwaltungskreis, der an Wichtigkeit den manches deutschen Fürsten weit überragt. Was hier an der Elbemündung von Hamburg für die Sicherung der Schiffahrt … geschieht, das hat er zu leiten und zu ordnen. Dazu kommt die Hafen- und Quarantäneverwaltung und schließlich noch ein Stückchen wirklicher Landesregierung … “. – Die von Brockes dort angelegte Holzung Brockeswalde der heutige Hauptfriedhof.

und auch sonst seiner Vaterstadt als Senator diente, die Patriotische Gesellschaft mitbegründete und für deren „Patriot“ schrieb. Und „Seine Jugendliebhabereien veranlaßten ihn, mit der Dichtkunst die Schwesterkünste der Musik und Malerei möglichst eng zu verbinden“.

Dies war der geistige Acker , auf dem sich Brockes und Ridinger begegneten . Denn

„ Wer hat das Thierreich so in seines Pinsels Macht? Wer gibt des Schöpfers Hand in allem ihrem Pracht An Thieren und dem Wald dem Auge so zu sehen? Wer weiß so der Natur im Bilde nachzugehen? Wo trifft Original und Bild so ähnlich ein? Es muß es Ridinger, sonst kann es keiner seyn “

rief Johann Jacob Brucker, Pfarrer zu St. Ulrich in Augsburg und „eigentlicher Begründer der Geschichte der Philosophie in der Neuzeit“ dem großen Toten nach. Es hätte auch Brockes’ Feder entstammen können. Diesem Zueinanderfinden und Miteinanderarbeiten ist, so scheint es, noch keineswegs die gebotene, weil reizvolle, Aufmerksamkeit gewidmet worden.

Den  Auftakt  der  Gemeinschaftsarbeiten

bildete 1736 die 41blätterige Suite der Betrachtung der wilden Thiere (Th. 195-235, ca. 34 x 43 cm) mit den jeweiligen Brockes-Versen als unmittelbarem Untertext.

Johann Elias Ridinger, Ein Stuck Wild in der Ruhe mit einem Hirschkalb und Spießer
Blatt 1 / Th. 196 / Angebots-Nr. 15.499 / EUR 980

Johann Elias Ridinger, Der Rehbock und Geiss
Blatt 19 / Th. 214 / Angebots-Nr. 15.497 / EUR 1100

Johann Elias Ridinger, Die wilde Kaz oder Kuder
Blatt 24 / Th. 219 / Angebots-Nr. 15.496 / EUR 980

Johann Elias Ridinger, Wölffe von 3 bis 4 Jahren
Blatt 21 / Th. 216 / Angebots-Nrn. 28.091 / EUR 660 bzw. 15.589 / EUR 690

Johann Elias Ridinger, Der Luchse sind zweierlei Stein- und Kälber-Luchsen
Blatt 22 / Th. 217 / Angebots-Nr. 15.403 / EUR 730

Johann Elias Ridinger, Die Biber haben 2 bis 3 Junge
Blatt 27 / Th. 222 / Angebots-Nr. 15.401 / EUR 690

Johann Elias Ridinger, Der Haas, ein Ramler und die Satzhäsin
Blatt 26 / Th. 221 / Angebots-Nr. 15.402 / EUR 690

Johann Elias Ridinger, Gefleckter Damhirsch
Blatt 17 / Th. 212 / Angebots-Nr. 15.498 / EUR 1100

Johann Elias Ridinger, Ein starker Hirsch von 20 Enden
Blatt 10 / Th. 205 / Angebots-Nr. 15.425 / EUR 980

Johann Elias Ridinger, Der Iltis, sie haben 2, 3 bis 4 Junge
Blatt 20 / Th. 215 / Angebots-Nrn. 15.397 / EUR 730 bzw. 15.588 / EUR 780

Johann Elias Ridinger, Ein Hirsch von 16 Enden
Blatt 8 / Th. 203 / Angebots-Nr. 15.421 / EUR 1100

Johann Elias Ridinger, Weißer Damhirsch und die Hindin
Blatt 18 / Th. 213 / Angebots-Nr. 15.411 / EUR 1300

Johann Elias Ridinger, Die Füchse sind zweierlei, rothe und Brandfüchse
Blatt 23 / Th. 218 / Angebots-Nr. 15.495 / EUR 980

Johann Elias Ridinger, Die Löwin träget ihre Jungen ein halb Jahr
Blatt 32 / Th. 227 / Angebots-Nr. 15.408 / EUR 660

Johann Elias Ridinger, Der Steinbock, sie haben nur 1, zuweilen 2 Junge
Blatt 39 / Th. 234/ Angebots-Nr. 15.491 / EUR 1300

Johann Elias Ridinger, Die Gemsen haben 1, 2, selten 3 Junge
Blatt 25 / Th. 220 / Angebots-Nr. 15.490 / EUR 1480

Johann Elias Ridinger, Der Leopard ist mit dem Tiger gleich
Blatt 34 / Th. 229 / Nrn. 15.436 / EUR 890 bzw. 28.093 / EUR 660

Johann Elias Ridinger, Eine Bache mit ihren Jungen oder Frischlingen im Lager
Blatt 13 / Th. 208 / Nrn. 15.407 / EUR 1100 bzw. 15.586 / EUR 1150

Johann Elias Ridinger, Der Dachs und das Eichhörnlein
Blatt 29 / Th. 224 / Angebots-Nr. 15.399 / EUR 730

Johann Elias Ridinger, Das wilde Pferd
Blatt 40 / Th. 235 / Angebots-Nr. 16.130 / EUR 1230

Zwei Königreiche für ein Pferd wie solches .

Der  Schlußakkord  dieser – wieder  einmal ! – so  unvergleichlich  schönen  Ridinger-Suite , vom überwältigten Brockes wie folgt erfaßt ,

dem  Thienemann  ein  triumphales  „Bravo!“  nachruft :

„ Bebt und zittert nicht der Boden? Welch ein Strampfen höhrt man hier? welch ein Schnauben füllt die Lufft! ein wild doch schönes Thier  sprengt  daher  im  vollen  rennen … Wie  dies  Thier  ein  Meisterstücke  von  der  bildenden  Natur , so ist die durch wenig Striche , hier gebildete Figur ,

auch  des  Meisters  Meisterstucke .

Las dies Bild das letzte seyn , ich kann dir nicht weiter folgen Ridinger ,

sonst mahl allein .“

Und nicht zuletzt und von ungefähr qualifizierte schon 1901 Ernst Welisch Ridinger als den  unstreitig  „bedeutendste(n)  Augsburger  Landschafter  dieser Zeit“. Hier denn

von  leuchtend-herrlicher  Qualität + damit  Seltenheit ,

figurieren doch die alten Abzüge gerade dieser so schönen großformatigen Hauptfolge selbst in beispielhaften alten Ridinger-Sammlungen vielfach nur hart beschnitten, beschädigt und aufgezogen. So einschließlich des anstehenden 1894 bei Reich auf Biehla, indes Coppenrath (1889) dieses Sujet überhaupt nicht hatte an sich bringen können.

niemeyer’s — für  schönste  ridingeriana

1744 schloß sich die 20blätterige Fabel-Folge an

deren vierteiliger Schlußsatz wohl aus stilistischen Gründen erst nach väterlichem Ableben (1767) von Johann Elias’ Ältestem, Martin Elias, auf Kupfer übertragen und als von alther große Rarität veröffentlicht wurde. Zu allen 20 Arbeiten steuerte Brockes seine Gedanken bei, doch erschienen diese nicht als Untertexte, sondern innerhalb des Textteils, siehe Thienemann. Denn

„ Die  Fabel  gehört  dem  Künstler , wie  dem  Dichter ,

und  einer  hat  dem  anderen  ein  Licht  angezündet “

(Christian  Ludwig  Hagedorn, Betrachtungen über die Mahlerey, 1762, Bd. I, S. 36).

Gewidmet im übrigen einem höchst aktuellen Thema. Denn mit den Fabel-Arbeiten verfolgte Ridinger „ein typisches Ziel seiner Epoche. Eine ‚Verbesserung der Sitten‘ durch die moralische Wirksamkeit der Kunst hatte – freilich auf ganz andere Weise – der mit Ridinger fast gleichalte William Hogarth in seinen Gemälden und graphischen Blättern versucht … Doch während Hogarth und Chodowiecki durch satirische Bildfolgen, wie Das Leben eines Lüstlings, 1735 … ihren (gleichen) Vorstellungen Geltung zu verschaffen suchte, knüpfte Ridinger an die – ihm besonders gemäße (nämlich, so er selbst, ‚von den eisgrauen Zeiten des Alterthums an‘) – Tradition der Tierfabel an“

(Stefan Morét in Ridinger-Katalog Darmstadt, 1999), SS. 96 ff.).

Mit denen er darüberhinaus zugleich aber auch, einen  neuen  Bildtypus  kreierend , einmal mehr Tradition und Feld hinter sich ließ. Denn „Keine  Ähnlichkeiten  mit  bisher  bekannten  Fabelillustrationen“ (Ulrike Bodemann in Metzner-Raabe, Das illustr. Fabelbuch, 1998, II, 123/I).

Um schließlich, noch weitergehend, mit den besagten postum herausgegebenen vier letzten die Überfülle der vorangegangenen zu Gunsten einer nun auch für ihn völlig neuen, souverän konzipierten großflächigen Klarheit (beispielhaft hierfür namentlich 17. + 20.) aufzugeben, womit auseinanderzusetzen er sich schlußendlich aber offenbar scheute. Und wohin ihm noch hundert Jahre später auch Thienemann nicht folgen mochte („haben weniger Kunstwerth, sind aber dennoch schätzbar und ihre Seltenheit zu bedauern“). Was hiesigerseits hingegen als ein bemerkenswert weiterentwickeltes künstlerisches Ausdrucksvermögen gesehen wird. Gipfelnd eben in dem Fascinosum, nicht allein ein neues Fabelbild geschaffen, sondern dieses in sich noch einmal zu neuem Ufer fortentwickelt zu haben.

Vergleichbar als von Ridinger wiederholt zitiert sei in diesem Zusammenhang an Watteau und hier an dessen „Gesellschaft im Freien/Park“ in Berlin erinnert, zu dem Pierre Rosenberg anmerkt: „… ist das Berliner Gemälde ein  Beweis  dafür , daß  der  Künstler  sich  erneuern  wollte , indem  er  einen  neuen  Typus  der  Komposition  schuf …“ (Ausstellungskatalog Watteau, Washington/Paris/Berlin 1984/85, S. 415).

Mehr  noch  aber , nehmen  Brockes + Ridinger  mit  Fabel  20

– ein sich vor drei Hunden auf einen Fels geretteter Hase wird das Opfer eines in seinem Gefieder herrlich gezeichneten herabstoßenden Falken , siehe obige Abbildung – nun auch schon noch ein  ganz  anderes , nämlich  gesellschaftspolitisches , Ziel  ins  Visier . Gibt der Titel schon mit

„ Die  durch  erdichteten  Vorwand  unterdrückte  Unschuld “

den Tenor vor, so geht Brockes in medias res und textet

„ Genug  man  schreibt  dem  Armen  an ,

Was er sein Tage nicht getan .

Der mächt’gen Vögel

freches Rasen

Trifft noch gar oft den schwachen Hasen ! “

Diese  Sentenz  steht  bereits  in  engstem  Zusammenhang  mit Brockes’/Ridinger’s mittels der aus den 1730ern über Jahrzehnte zurückgehaltenen ersten vier Blätter (Th. 716-719) der dann 1760 schließlich 8blätterigen Folge der Kämpfe reißender Thiere vorgetragenen Anprangerung des absolutistischen Systems ihrer und aller Zeit(en) als eines

Fanals für Freiheit + Menschlichkeit ,

gleichziehend auf diesen vier Ursprungs-Blättern mit der Kühnheit jener Big Five und in Vorwegnahme der Epoche des Sturm + Drang per raffiniertest verpackter Verpackung mit Alexander dem Großen als Aufhänger,

Johann Elias Ridinger, Detail aus Der wüthige Leopard wie er einen Esel zerreisst

personifiziert  eben  mit  dem  Raubtier ,

Johann Elias Ridinger, Untertext aus Der wüthige Leopard wie er einen Esel zerreisst

wie hier erstmals im einzelnen analysiert und vergleichbar etwa Vredeman de Vries’ (1526-1609) Radierung Die Massaker des römischen Triumvirats als einer Anspielung auf das „ungerechte und hochmütige Verhalten des Herzogs von Alba“ in den südlichen Niederlanden. „Die politische Brisanz des Blattes erklärt, warum Vredeman im ersten Druckzustand nicht als Entwerfer genannt wird“ (Thomas Fusenig im Braker/Antwerpener Ausstellungskatalog Hans Vredeman de Vries und die Renaissance im Norden, München 2002, Kat.-Nr. 123, Seite 286).

Und die schon vorher dortselbst entbrannte Debatte über das soziale Auseinanderdriften der Gesellschaft brachte den furchtlosen Publizisten und Gelehrten Dirk Coornhert mit dem Maler + Kupferstecher Maarten van Heemskerck zusammen, wobei  ersterer

„ … die Problematik (literarisch) thematisiert(e) … (und) Heemskerck die von Vernunft geprägten philosophischen Gedanken Coornherts mit dem Zeichenstift zu Papier gebracht (habe). Ein Ergebnis dieser intellektuellen Zusammenarbeit war eine 1550 edierte vierteilige Stichserie mit dem Thema Lazarus und der Reiche “

(Borggrefe in vorgenanntem Obigen, SS. 140 f., Fettdruck nicht im Original).

„ Im Visuellen sind viele Möglichkeiten der Assoziation verborgen, die sich dem aufmerksamen Betrachter enthüllen können.

Je  höher  das  Niveau  des  Künstlers ,

desto  geistvoller  ist  der  Mechanismus  der  bildlichen  Verschleierung “

(Dirk De Vos zu Compassio und Imitatio als Form , Form als Symbol in Rogier van der Weyden, 2002, S. 142).

Es scheint, daß erst Martin Elias als jugendlich unbekümmerter die Herausgabe bewirkt hat. Denn die Blätter 5-8 sind allein von ihm radiert/gestochen worden. Und zwar nach erst brandfrisch hierzu geschaffenen Vorlagen des Vaters. Woraus zugleich gefolgert werden darf, daß nicht nur die Zeichnungen nebst Texten zu den hochbrisanten Blättern 1-4 längst fertig dagelegen hatten, sondern selbst auch schon deren Platten.

Der Ergänzung jener riskanten Urfolge um vier weitere, textlich numehr nur à la Brockes, und damit unverfänglich, begleitete Blätter lag neben dem Wunsche nach einer komfortableren Handelseinheit ganz sicher und wohlbewußt auch die Absicht zu Grunde, die Eklatanz der Botschaft der ersten vier weniger demonstrativ aufscheinen zu lassen. Die  Aufstockung  also  als  eine  zugleich  letzte  Außenverpackung .

In Martin Elias hierbei die treibende Kraft zu sehen, harmoniert bestens mit seiner in eben jenen Jahren für die Folge der „Wundersamsten“ übernommenen Motorrolle. Denn als der Vater in den 50ern die Lust an diesem Großprojekt zu verlieren begann und die Folge während des 7jährigen Krieges nur noch mit ganzen fünf Novitäten dahindümpelte, war es Martin Elias, der um 1763 mit dem Hubertusburger Dachsen als Blatt 74 (Th. 316) das Vorhaben wieder unter Dampf setzte und von den letzten 27 Blättern denn in der Tat mit 21 den Löwenanteil auf die Platten übertrug. Damit aber gewinnt Martin Elias für den Ridinger-Verlag eine Kontur, die sichtbar über sein bisheriges Bild als vornehmlich nur als mitarbeitend ausführender Stecher – gleichwohl höchster Qualität, siehe hierzu Stubbe, Joh. El. Ridinger, 1966, SS. 16 f. nebst Tafel 34 an Hand von Th. 722 als von Martin Elias übertragen, wie von Stubbe übrigens gar nicht bemerkt worden – so noch jüngst Stefan Morét im 1999er Darmstädter Ausstellungskatalog (Seiten 62/3) hinausführen.

Darüberhinaus interessant in diesem Zusammenhang, daß Johann Elias es mit den zum Erscheinen gefertigten vier Folgezeichnungen nunmehr keineswegs sein Bewenden haben ließ. Einmal wieder aufgegriffen, schuf er, soweit datengestützt und hier bekannt, noch in 1763/64 vier gleichartige weitere Zeichnungen zu diesem Thema (Pos. 393-396 des Weigel-Katalogs; die sich dort per 397/98 entsprechend anschließenden sowohl unsigniert/undatiert als auch größeren Formates).

„ Von  dieser  ausgezeichneten  Arbeit  sind  acht  Blatt  erschienen …

Johann Elias Ridinger, Das Pferd und der LöweJohann Elias Ridinger, Die bei ihren Jungen von einem Bären überfallene Löwin

hier in der Abfolge

Das Pferd und der Löwe , Th. 716  („Ach rettet dieses schöne Thier , das des Tyrannen Last erdrückt! … “ / Die bey ihren Jungen von einem Bären überfallene Löwin (auch apart per 15.700 / EUR 1480 aufliegend), Th. 718 („die seines Feind’s erhab’ner Stand, In vortheilhaffter Stellung droht … “

Johann Elias Ridinger, Der wütige Leopard wie er einen Esel zerreisstJohann Elias Ridinger, Der Elephant und das Nashorn

Der wütige Leopard wie er einen Esel zerreißt , Th. 719 / Der Elephant und das Nashorn , Th. 721 / Der Pardel über einem Cameel , Th. 720 / Der wilde Büffel und das Crocodil , Th. 722 (auch

Johann Elias Ridinger, Der Pardel über einem CameelJohann Elias Ridinger, Der wilde Büffel und das Crocodil

apart per 15.703 / EUR 1780 aufliegend) / Das Flußpferd und der Löwe , Th. 723 / Der Auer Ochs (recte der europ. Wisent/Büffel, Bison europaens Ow.) und der Tieger , Th. 717.

Johann Elias Ridinger, Das Flußpferd und der LöweJohann Elias Ridinger, Der Auer Ochs und der Tieger

Zu letzterem

„ Hier zeigt sich die Gerechtigkeit ,

hier wird die Grausamkeit gestrafft ,

Und manch verschlungnes Thier gerochen …

Wir sind dem Auer=Ochsen gut ,

u. nehmen Theil an seinem Siege .“

„ Sie  machen  sich  rar

und  schon  in  den  Verzeichnissen  von  Herzberg  (1824)  u. s. w.

werden  nur  die  vier  ersten  angeführt “ (Th. 1856) .

Aber selbst den zeitgenössisch gebildeten legendären Ridinger-Folios der hochkarätigen Pembroke Library in Wilton House, erworben wohl seitens des 10. Earl of Pembroke 1768 in Paris, fehlten die vier letzten.

Hier indes komplett — Die Kämpfe-Folge :

8 Blatt in Radierung/Kupferstich von Joh. Elias (4) und Martin Elias (1731 Augsburg 1780) Ridinger. (1760.) Imp.-2° (ca. 38 x 29,5 cm). Ppbd.-Bd. mit Vorderdeckel-Prägung in Schuber.

Angebots-Nr. 15.449 / Preis auf Anfrage

+ 2 Einzelblätter , siehe oben .

Siehe auch die hiesige 1998er Dresdner Rede — Der verharmloste Ridinger

Ihre Verbreitung

fanden diese Brockes-Verse nicht nur hier ,

via Ridinger ,

sondern natürlich ebenso, und zudem in ganz anderer Auflage, im eigenen „prachtvolle(n) Hauptwerk“, dem von 1721-1748 erschienenen 9bändigen Irdischen Vergnügen in Gott, dessen erster Band gleich sieben Auflagen erlebte, in „Ganz vollständige(n) Exemplare(n indes) … außerordentlich selten“ ist.

„ Seine Zeitgenossen nahmen es mit der größten Bewunderung an … Fürst Günther von Schwarzburg machte ihn aus Dankbarkeit 1730 zum kaiserlichen Pfalzgrafen … Die Unermüdlichkeit, mit der er in immer neuen Variationen die leblose Natur zu besingen verstand, hat die wenigen Proben, welche moderne Sammlungen aus seinen Gedichten aushoben, fast zum Gegenstand des Spottes gemacht. Für seine Zeit ist er aber von einem nicht zu unterschätzenden Einfluß gewesen … “

(Redlich, im Gegensatz zu Zeitgenossen einschließlich Thienemann sehr objektiv, 1876 a. a. O.).

Interessant die neuerliche Bestätigung seitens Martini, Dt. Literaturgeschichte, 5. Aufl., 1954, SS. 170 f.:

„ Mit sinnenhafter Freude an der Natur, mit liebevoller … Hingabe noch an die kleinsten Tiere und Früchte, mit ehrfürchtiger Andacht vor Sternen und Gewittern feiert er Gottes vernünftig-schönes Werk … aus vielen lyrisch gestimmten Versen

spricht  bei  ihm  ein  neues  Naturgefühl ,

das freudig die irdische Welt bejaht und genießt . “

Und dazwischen aus dem George-Kreis Karl Wolfskehl (1869-1948) :

„ Die gewaltige Dichtkunst dieses Vorläufers Klopstocks und Rousseaus ,

den noch Goethe sehr bewunderte … Deutschland unterschätzt noch immer

diesen  kraftvollen  und  innigen  Natursänger … “.

Und, weiterführend, begegnen wir gerade auch in den hiesigen Versen sozialkritischen und moralischen Parallelen von zeitloser Gültigkeit, die mit Ernst gelesen sein wollen.

Brockes — Ridinger

Wie gesagt , die sehr reizvolle Verbindung zweier gleichgesinnter Geister , an die zu erinnern

Brockes’ 333.

die

angemessene Gelegenheit bietet .

Barthold Heinrich Brockes

1680-1747

Johann Elias Ridinger, Kämpfe reissender Thiere (Einband)

Hamburger Dichterfürst ,

Jurist + Senator ,

vor allem aber

Freund Ridinger’s


„ danke für die prompte Lieferung der beiden hübschen Cassas-Blätter (von Antiochia). Den Überweisungsauftrag gab ich gestern zur Bank. Viele Grüße und ein schönes Wochenende … “

(Herr K. O., 6. Februar 2009)