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Zwei

Ridingeriana

der

ganz besonderen Art

Hirsch von ungerad 18 Enden

So immens sich der 1830 von Weigel übernommene zeichnerische Nachlaß des Meister’s anfänglich auch darbot, und so gewiß auch dem Augsburger Papst schon seitens Thienemann’s überlieferte höfische Vorlagen zugingen, so finden sich solche doch nur höchst selten dingfest gemacht. Sei es, weil sie nach Fertigung eigener Vorlagen und deren Übertragung ins Kupfer als entbehrlich geworden untergingen, sei es, und das wohl noch eher, weil sie als Ridinger’sche Eigenarbeiten angesehen und weitergereicht wurden. Denn soweit nicht durch ausdrückliche Charakteristika ausgewiesen, erweisen sich die Auflistungen der Zeichnungen bei Thienemann (1856, in Rückgriff auf den Weigel-Bestand) und bei letzterem selbst (1869, Ridinger-Appendix zum Catalog der (schlußendlich) hinterlassenen Original-Handzeichnungen) als nur sehr bedingt hilfreich. Nicht zu übersehen schließlich, daß Arbeiten vielfach schon früh ihre eigenen Wege gingen und erst gelegentlich ihres Auftauchens in Sammler- und Händlerkatalogen aktenkundig wurden.

Hier und heute denn

2  dieser

Ridingeriana-Raritäten  von  Graden

Hirsch von ungerad 18 Enden (Detail)

Karl Friderich Fürst Zu HohenzollernSigmaringen schiesset diesen Hirsch Von ohngeradt 18 endten in des fürstenbüchen faulbronnerforsts d 30t September 1773 so gewogen gantze 375 ℔ ausgeweydte 296 ℔ das ℔ á 40 loth. Kopf + Geweih nebst angedeutetem Hals. Bleistiftzeichnung (ca. 180 x 135 mm). (1773.) Bezeichnet: wie vor (Bister) + unten (Bleistift). 361 x 220 mm.

„ diesen  wolte  man  gantz  allein —“

Hirsch von ungerad 18 Enden (Detail Zeichnung)Hirsch von ungerad 18 Enden (Detail Radierung)

Nach hiesiger derzeitiger Einschätzung die den Ridingers vom fürstlichen Hof zwecks Wiedergabe in Kupfer zugesandte  Geweih-Vorlage  zu  Th. 353 – Blatt 10 der Vorfallenheiten als einer

Ridingeriana-Rarität  von  Graden .

Gesichert ihr Fehlen bei Weigel und in den hier seit 1884 dokumentierten maßgeblichen Sammlungsverzeichnissen ebenso wie

1976  ihr  Auftauchen  als  originale  Ridinger-Zeichnung

auf der 110. Tenner-Auktion gemeinsam mit nachfolgender weiterer (zu Th 254) als Beilage zu Lot 3948, eines ausweislich per 1766er Weihnachts-Widmung für Johann Elias Ridinger gesicherten, gleichwohl bald darauf vereinzelten Skizzenbuches (hieraus Doppelskizze zu Th. 1076) mit Provenienz Weigel, doch nicht (mehr) im obigen 1869er Katalog, + Hamminger (1895, doch ohne gedachte zwei Beilagen). Gleichwohl kamen letztere aus gutem Stalle. Denn der mit ihnen in den 1970ern über Jahre bei Dr. Tenner aufgelöste Ridinger-Bestand war von allererster Güte. Bezüglich Zeichnungen wie Graphik.

Unabhängig von Obigem irritiert zudem das Kupfer seinerseits. Geschaffen als Blatt X der ausschließlich von Johann Elias’ Ältestem, Martin Elias, nach überwiegend väterlicher Vorlage in Kupfer gearbeiteten und 1779 postum abgeschlossenen 46blätt. Folge Zu den besondern Ereignissen u: Vorfallenheiten bey der Jagd ( „The rarest set of Ridinger’s sporting line engravings“, so Schwerdt 1928), weist dessen Signatur den 1767 verstorbenen Vater als Zeichner aus, dessen Untertext aber ein 1773er Ereignis. Sodaß zwangsläufig, so auch schon Thienemann, entweder die Signatur oder das Schußdatum unkorrekt ist.

Dennoch mag die Wahrheit auch hier in der Mitte liegen. Daß nämlich Martin Elias als zeichnerisch nur wenig in Erscheinung getreten auf eine väterliche Vorlage zurückgriff und lediglich dessen Geweih aktualisierte. Der Hirsch selbst schließlich keine singuläre Erscheinung und in seiner Stellung verwandt solchen wie etwa Th. 294, 326, 339, 373. Die Diskrepanz von Signatur + Datum wäre dabei zunächst unerkannt geblieben. Wie dem auch sei, als „zu den besten in dieser Sammlung“ gehörend, macht es seinen Weg, wenngleich vielerorts fehlend und schon 1885 (!) per Schles. R.-Slg. bei Boerner XXXIX, 1871 als „Sehr selten“ qualifiziert.

Zwecks Abgleichs mit obigem Zeichnungstext der des Kupfers wie folgt:

„ KARL FRIDERICH FÜRST ZU HOHENZOLLERN STIGMARINGEN (sic!) Schießet diesen Hirsch von ohngerad 18. Enden in des Fürstenbüchen Faulbron(n)er Forsts d. 30. 7brs. 1773. so gewogen ganzer 375. ℔ ausgeweyder 296 ℔ daß ℔ à 40 Loth. “

Die  Zuweisung  der  Zeichnung  hiesigerseits  wie  folgt :

Das Gesicht des Hirschen hat nichts gemein mit dem des Kupfers. Wenngleich nicht bis ins letzte überprüft, ist es auch kein für Ridinger typisches Hirsch-Gesicht. Zwecks Dokumentation des Gewichtes wird ein Hofmaler oder auch ein geübter Forstbediensteter dieses samt Kopf gezeichnet haben. Anschließend erfolgte von anderer Hand am Hofe die Fakten-Betextung, deren Jahreszahl-Unterstreichung als nicht ungewöhnlich dem nicht entgegensteht. Dem sich die Zusendung nach Augsburg anschloß, wofür die zwischenzeitlich geglättete Längs- und Querfaltung auf 18 x 11 cm spricht. Separat wurde der Wunsch nach einem Einzel-Porträt geäußert, worauf sich der trotz fehlenden Schriftvergleichs

den  Ridingers  nun  selbst  zuzuweisende  Unterrandvermerk

in  Bleistift  bezieht ,

diesen wolte man gantz allein

„ diesen  wolte  man  gantz  allein —“

Die schöne Trophäe sollte also nicht in einer Gruppendarstellung untergehen. Somit eine Auftragsarbeit.

Von späterer anderer Hand dann die kupferanaloge Hinzufügung in Bleistift oben X: und unten die für die Zeichnung nun gänzlich unpassende Doppelsignatur von Johann Elias + Martin Elias. Als optisch störend, wurde der sich anschließende Unterrand-Vermerk „diesen wolte man gantz allein“ umgefaltet.

Der Erhaltungszustand folgt dem Procedere

mit  dem  ganzen  Charme  eines  autographen  Unikats

mit gewisser Stock- und Altersfleckigkeit namentlich des Unterrandes und rückseitigen Bemerkens sowie leichten Quetschfalten linksaußen der Oberhälfte außerhalb des Geweihs. Ein Stück also nicht nur für die Mappe, vielmehr auch und gerade

in  Zusammenspiel  von  Zeichnung + Texten

für  eine  sehr  reizvolle  Hängung

außerhalb hellen Lichteinfalls. Dokumentierend die Abläufe des Werdens eines Kupferstiches, hier denn seitens der fachspezifischen Adresse nicht nur ihres Jahrhunderts überhaupt. Und solchermaßen von ganz eigener Rarität, siehe eingangs.

Angebots-Nr. 15.853 / EUR  1380. / export price EUR  1311. (c. US$ 1430.) + Versand

» Ridinger —

einer  der  wenigen  deutschen  Barockkünstler ,

der  seit  seinem  Tod  vor  220  Jahren

nie  in  Vergessenheit  geriet «

Rolf Biedermann

Meisterzeichnungen des deutschen Barock

Augsburg 1987 , Seite 338

„auf ein Jagt bey Stuttgh: geschossen“

Extra Hauptschwein

und  ab  nach  Augsburg  konterfeit

1735 Haben Ihro Hochfl Durchlaucht: Diesses Extras Haubt Schwein, welchem die obre gewörff auf bedr Seides heraus gewagßen, eines Zoll diefs und wider eines Zoll tieffs wider in den Rißell hinein gewagßen auff die Jagt bey Stuttgh: geschossen. Basse breit nach links, unterhalb links auf Lauflinie Detail des Mißwuchses. Tuschpinsel-Zeichnung in Grau, partiell Schwarz. Oberhalb links des Gebrechs als

Zutat  wohl  von  der  Hand  Johann Elias Ridinger’s  in  Bleistift

Skizze des Mißwuchses analog zum Kupfer von spätestens 1740/41. Bezeichnet in Bister wie vor. 160 x 192 mm.

Die Ridinger vom Hofe Herzogs Carl Alexander von Württemberg zugesandte Abnormitäten-Wiedergabe als einer

Ridingeriana-Rarität  von  Graden

und 1976 auf besagter 110. Tenner-Auktion gemeinsam mit obiger Hirschgeweih-Zeichnung zu Th. 353 als

„ Eigenhändig  betitelt(e) “ originale  Ridinger-Zeichnung

als Beilage zu Lot 3948 figurierend, jenem ausweislich per 1766er Weihnachts-Widmung für Johann Elias Ridinger gesicherten, gleichwohl bald darauf vereinzelten Skizzenbuch (hieraus Doppelskizze zu Th. 1076) mit Provenienz Weigel + Hamminger (1895, doch ohne gedachte zwei Beilagen). Gleichwohl kamen letztere, also auch anstehende, aus gutem Stalle. Denn der mit ihnen in den 1970ern über Jahre bei Dr. Tenner aufgelöste Ridinger-Bestand war von allererster Güte. Bezüglich Zeichnungen wie Graphik.

Extra Hauptschwein (Detail Radierung)Extra Hauptschwein (Detail Zeichnung)

Hiesige Vorlage verwandte Ridinger spiegelbildlich nach rechts für Blatt 12, Th. 254, seines spätestens ab 1740 herausgegebenen und 1768 postum abgeschlossenen 101blätterigen Hauptwerks der Wundersamsten Hirsche und anderer besonderlicher Thiere, dort untertextet mit

„ Anno 1735. / haben / Ihro Hochfürstl: Durchl: Carl Alexander Herzog zu Wirtenberg / dises Extra Haupt Schwein / welchem das obere gewörff auf beyden seiten heraus und eines zoll tieffs in dem Rüssel hinein / gewachsen auf einem Jagen bey Stuttgard geschoßen. “

Geglättete Längs- und Querfaltung auf 8 x 9,5 bzw. 10 cm sowie ein rechtsrandiger minimaler Tintendurchbruch. Im Zusammenspiel mit dem Bister der wirkungsvollen Beschriftung vermittelt die gleichmäßige Bräunung eine geradezu schöne Patina. Ein Blatt somit fast zu schade nur für die Mappe, vielmehr auch und gerade

sich  für  eine  sehr  reizvolle  Hängung

außerhalb  hellen  Lichteinfalls  empfehlend .

Und nicht zuletzt die Abläufe des Werdens eines Kupferstiches, hier denn seitens der fachspezifischen Adresse nicht nur ihres Jahrhunderts überhaupt, dokumentierend. Und solchermaßen von ganz eigener Rarität, siehe eingangs.

Angebots-Nr. 15.854 / verkauft


„ Herzlichen Dank für die sorgfältig verpackten Bände … “

(Herr H. M., 26. Mai 2007)