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Verdrängter  Ridinger —

Der  Ridinger  der  Schabkunst

Gerne reduzieren selbst passionierte Ridinger-Sammler den Meister auf seine gestochenen und radierten Tier- + Jagdsujets sowie Reitschuldarstellungen mit ihren vielfach belehrenden oder unterrichtenden Unter- bzw. Begleittexten – und verdrängen oft selbst noch den diesem Themenkreis zugehörigen Teil des bildlich wie thematisch so

reichen  Œuvre  der  Schabkunstblätter .

Ein Aspekt, auf den bereits vor 15 Jahren hiesigerseits im programmatischen Festbeitrag Der verharmloste Ridinger auf der Festveranstaltung der Technischen Universität Dresden zum 300. Ridinger-Geburtstag am 27. April 1998 auf der Grillenburg hingewiesen wurde.

Lassen sich indes von Anfang an schon in den Kompositionen der Kupfer jenes reduzierten „Standardkanons“ immer wieder ebenso Rückgriffe auf andere Künstler – beispielsweise Ruisdael oder Savery – und die vielfältige Ikonographie der Niederländer generell ebenso feststellen wie – vielfach in Gemeinschaftsarbeiten mit dem Hamburger Senator, Juristen und Dichter-Papst Barthold Heinrich Brockes – ein gar nicht einmal sonderlich verstecktes starkes gesellschaftspolitisches Engagement, so wird erst in der

in  ihrem  reichen  Hell-Dunkel

ebenso  malerischen  wie  empfindlichen  Schabkunst

die ganze Bandbreite sichtbar. Reichend von Salon- und Genrestücken nach u. a. Boucher oder Watteau über Heiligenbilder als typischer Gebrauchsgraphik des 18. Jahrhunderts und grandiose Kreuzigungsdarstellungen hin zu Totentanz + Vanitas.

Wobei gegebene Vorlagen keineswegs lediglich kopiert, sondern – kunstgeschichtlich gang und gäbe – zitiert, modifiziert, herausgegriffen und neu zusammengestellt werden. Was ganz nebenbei das vielfache Fehlen eines Ridingerschen „invenit“ relativiert: nicht länger einer eindeutigen Vorlage zuzuordnen, scheute sich der Meister offensichtlich zugleich, ursprünglich fremde Ideen für sich in Anspruch zu nehmen. Im übrigen aber gilt – so Gina Thomas in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 20. 2. 2001 – auch für Ridinger:

„ Wie bei den Fürsten- und Adelsgeschlechtern

lassen  sich  bei  den  Malern
ganze  Stammbäume  der  Einflüsse  nachzeichnen. “

Diese Vertiefung des Meisters und seines Œuvre, die in jener Dresdner Rede ihre erste große Zusammenfassung erfuhr und von weiteren Veröffentlichungen gefolgt wurde, faßte schließlich Wolfgang Weitz, Vorsitzender Richter em., Jagdhistoriker + Stifter, Träger der Verdienstnadel in Gold des Deutschen Jagdschutzverbandes, mit Brief vom 30. August 2006 wie folgt zusammen:

„ Als ich vor etwa 60 Jahren erstmals mit Ridinger in Berührung kam, hielt ich ihn für einen Darsteller der Jagd. Seine Bilder habe ich (vielerorts) … insbesondere bei und zwischen Jagdtrophäen (gesehen). Dieser Eindruck ist inzwischen verschwunden. Ridinger hat sich mit einer Fülle von geistigen Problemen auseinandergesetzt, die nichts mit der Jagd zu tun hatten. Er ist offenbar ein vielseitig gebildeter Mann gewesen.

(Sod)aß  ich  Ridinger  heute  umfassender  sehe . “

Herausgegriffen aus diesem umfassenden Ridinger nun hier + heute für den Ridinger der Schabkunst als überdies mit dessen „invent“ versehene superbe Seltenheit aus der letzten Folge der Fünf Sinne

Der  Duft  der  Rose

Johann Elias Ridinger, Der Geruch

Johann  Elias  Ridinger
Ulm 1698 – Augsburg 1767

Der  Geruch. — Odoratus.

» Doch bleibt der Rosen stets im Streit der VorZugs Preiß «

Auf Parkterrasse stehende junge Dame riecht zu einer mit der Linken umfaßten Rose eines in schwerem Blumentopf steckenden rechtsseitigen Rosenstockes, indes die Rechte eine mehrblütige Glockenblume an ihren Ausschnitt hält. Dem Rosenstock antwortet zudem eine Rose ihres Hutes. Linksseits aus dem Park aber grüßt eine Fontaine des Meister’s. Schabkunstblatt. Bezeichnet: Ioh. Elias Ridinger invent. et excud. Aug. Vind., ansonsten wie vor und unten. 46,7 x 34,8 cm.

Schwarz (1910) II, 1468 + Tafel XXVII; Gräflich Faber-Castell 161 ( „Äußerst seltene Folge“, 1958); schriften der ridinger handlung niemeyer 12 (1993), jeweils als Blatt 3 der bei Schwarz + Niemeyer komplett abgebildeten letztgeschaffenen Folge der fünf Sinne. Wie von Stillfried 1876 per 3. Nachtrag zu Thienemann erkannt und mit 1391-1395 benummert, doch für ihn nur mit dem Blatte des Gichtkranken als Das Fühlen belegbar geblieben. – Wend, Ergänzungen zu den Œuvreverzeichnissen der Druckgrafik, I/1 (1975), 267, basierend auf Schwarz.

Weder  als  Ganzes  noch  in  Einzelblättern

nicht bei Thienemann (1856) und somit auch nicht in Dresden

( „ Die  Schwarzkunstblätter  sind  im  Handel  fast  gar  nicht  mehr …
zu  bekommen … und  [deren]  bei  Weitem  größten  Theil …
[habe  ich]  allein  [im  Kupferstichcabinet  Dresden]  gefunden. “ ) ,

Weigel Kunstlager-Catalog, Abt. I-XXVIII (1838/57; mehr als 1000 R.-Bll. des rad./gest. Werkes) , Schles. R.-Slg. bei Boerner XXXIX (1883) , Slg. Coppenrath (1889/90) , R.-Slg. bei Wawra (1890; neben 234 Zeichnungen 600 Graphiken) , Slg. Reich auf Biehla (1894; „Von allen [R.-Slgn.], welche seit langer Zeit [verhandelt wurden], kann sich keine in Bezug auf Vollständigkeit und Qualität auch nur annähernd mit der vorliegenden … messen … besonders die Seltenheiten und unbeschriebenen Blätter, welche in reicher Anzahl vertreten sind“; 1266 Blatt zuzgl. 470 Doubl. + 20 Zeichn.) , Slg. Georg Hamminger (1895) , R.-Katalog Helbing (1900; 1554 Nrn.) , R.-Liste Rosenthal (1940; 444 Nrn.) , Graf Castell-Rüdenhausen (2005) .

Mit  deutsch-lateinischem  Vierzeiler

Es pflegt uns Flora Zwar mit tausendfachen Gaben
nach jeder Jahres Zeit auf unermeßne Weiß
Durch lieblichen Geruch annehmlichst Zu erlaben,
Doch bleibt der Rosen stets im Streit der VorZugs Preiß.

Aus  der  komplett  erstmals  im  20. Jahrhundert  – und  dann  auch  nur  im  Abstand  von  Jahrzehnten , siehe  oben – nachgewiesenen  dritten  und  letzten  Folge  der  Fünf  Sinne  der  für  den  Geruch  schlechthin  stehende  Rosenduft

in  ganz  gleichmäßig  vorzüglich  schwarzem ,

5-7,5 cm  ( sic ! )  breitrandigem  Druck

plastischen  Hell-Dunkels  mit  WANGEN-Wasserzeichen

als  für  zeitgenössische  Abdrucke  so  beispielhaft

wie alles für die empfindlichen Schabblätter so zusätzlich selten, bezifferte doch schon 1675 der Praktiker von Sandrart „saubere Abdrucke“ der samtenen Schabkunst auf nur etwa „50 oder 60“ (!). „(H)ernach aber schleift (das Bild) sich bald ab, weil es nicht tief ins Kupfer gehet“. Entsprechend denn 1856 Thienemann wie schon oben unter Einschluß selbst des Dresdner Kabinetts, wo denn

auch  nicht  einmal  dort  denn  weder  das  hier  vorliegende ,

noch eines der anderen vier Blätter der Folge präsent war.

Geglättete Mittelfalte. – Neben den vier stecknadelkopfkleinen originalen Durchstichen im Oberrand dortselbst noch ein weiterer. – Der breite weiße Rand unter Einschluß einiger säurefrei hinterlegter Kleinsteinrisse und rückseits leicht altersfleckig/spurig,  sonst  sehr , sehr  schön . Und , eben ,

eine  Zimelie  der  Extraklasse ,

ein  duftendes  Beispiel

für  den  gerne  verdrängten

Ridinger  der  Schabkunst .

Angebots-Nr. 15.830 / Preis auf Anfrage


Der hiesige Weihnachts-/Neujahrsgruß 2005 endete mit „In diesem Sinne recht schöne Weihnachtstage voll Harmonie und sammlungszugewandter Muße … “ , letzterer Wunsch in einer Grußerwiederung aufgegriffen wurde mit den Worten

„ das Gutwort des Jahres – sammlungszugewandte Muße – wunderbar, hab einigen LBA/Goethefreunden dieses Gutwort genannt. Sie haben in einer verwahrlosten Zeit ein ‚linguistisches Gespür’! “

(Herr R. K., 5. Januar 2006)