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Ins  Neue  Jahr  mit  niemeyer’s  Haus-Heiligen

Ridinger + Wintter

Startend  mit  3 x

illustrem  Vorbesitz

Carl Otto Marschall von Bieberstein

1810-1876
Kammerherr und Grossherzogl. Bad. Hauptmann a. D. in Carlsruhe
aus der badischen Linie der MvB mit um 1198 erster Urkundserwähnung.
„Die Familie bekleidete schon bei den ältesten Herren der Markgrafschaft Meißen
das Erbmarschallamt und nahm dieses Marschallamt in den Familiennamen auf.
Den Beinamen erhielten sie durch den Besitz der Burg und des Dorfes Bieberstein
zwischen Nossen und Freiberg in Sachsen.“
Sohn des Bad. Staatsministers Karl Wilhelm Frhr. MvB
(Stuttgart 1763 – Karlsruhe 1817)?

Versteigerung dessen Sammlung von Handzeichnungen …
darunter eine grosse Anzahl … Zeichnungen von Joh. Elias Ridinger
Frankfurt/M., Prestel, 1879, Nr. 83 ( „ Geistreiche Skizze “ )

Versteigerung dessen Kupferstich-Sammlung ebda. 1877.

Theodor Heinrich Reich auf Biehla

Muskau 1823 – nach 1893
Dresdener Kaufmann, seit 1860 Miterbe des auf 1438 zurückgehenden Rittersitzes Biehla
in der Lausitz, auf dem er 1871/73 „auf den Grundmauern des Alten (1661) ein neues Herrenhaus im Stil der italienischen Renaissance erbaut“, das 1945 geschliffen wird.

Von 1877-1890 Reichstagsabgeordneter der Deutschkonservativen für Bautzen-Kamenz,
von 1881-1892 durch Kgl. Ernennung Mitglied der 1. Kammer des Sächsischen Landtags.

Versteigerung dessen Ridinger-Sammlung …
enthaltend Radierungen, Kupferstiche, Schabkunstblätter und Handzeichnungen,
dabei zahlreiche Seltenheiten
Leipzig, Boerner, 1894, Nr. 338 ( „ Treffliche Skizze “ )

„ Von allen Ridinger-Werken,
welche seit langer Zeit zum öffentlichen Verkaufe geboten wurden,
kann sich keines in Bezug auf Vollständigkeit und Qualität,
auch nur annähernd mit der vorliegenden … Sammlung messen …
und berücksichtigte (der Sammler) bei seinen Erwerbungen
besonders die Seltenheiten und unbeschriebenen Blätter,
welche in reicher Auswahl vertreten sind. “

Rudolf Philip Goldschmidt

1836-1914, Frankfurter Bankierssohn, Privatier in Berlin

Rudolf Philip Goldschmidt (Lugt 2926)
Verso dessen Sammlungs-Stempel Lugt 2926 in Schwarz

Versteigerung seiner Sammlung von Zeichnungen (806) + Graphik
Frankfurt, Prestel, 1917 („Excellent catalogue“).

Versteigerung der Gemälde, weiterer Zeichnungen,
Aquarelle + Gouachen sowie Kunstgegenstände
Berlin, Paul Cassirer + Hugo Helbing, 1927.

Ridinger’s

„ Geistreiche  Skizze “

Mit  ebenso  reichem  wie  interessantem ,

ja  kostbarem  14 x 9 cm  großen  Wappen-Wz.

für dessen Identifizierung sich hier an Hand von Heawood, Briquet und Sekundärliteratur nur marginale Ansatzpunkte ergeben. Einem großen Wappenschild scheint ein kleinerer eingefügt zu sein, dabei beide differenziert ausgefüllt. Bemerkenswert indes die oberen äußeren Kennzeichen:

Gekrönt linksseits von Mitra mit dem Kreuz auf der Weltkugel, rechts davon etwas niedriger angesetzte Kaiserkrone mit Kreuz auf Weltkugel, wie gleichfalls zugehörig. Jeweils seitlich davon Krummstab bzw. Schwert. Typographischer wohl Hersteller-Anhänger linksaußen G, rechtsaußen S.

Krummstab + Schwert in umgekehrter Plazierung und mit nur einfachem Kreuz mittig bei den Wappen-Marken Briquet 2162 (Anhänger H Z mutmaßlich eines Herstellers in Lohr; Franken + Rheinpfalz zwischen 1588 + 1603) + 2164 (Lohr + Mainz 1603, Minden 1604). – Krummstab apart bei der gekrönten Wappenmarke (Basel 1642) einer Zeichnung Jan Baptist Weenix’ (1621-1660/61) in Brüssel (Hautekeete [Hrsg.], Holland in Linien, 2007, Nr. 51).

Die  gemeinsame  Präsenz  kirchlicher + profaner  Herrschafts-Insignien

innerhalb  der  Wappen-Marken  offensichtliche  Ausnahme ,

so etwa Heawood 453 auf einem unlokalisierten Ms.-Papier um 1690. Dem Reichtum anstehender Marke entspricht die feste leichte Bütten-Qualität. Dreiseits noch mit deren feinem Rand, linksseits wohl minimal verkürzt, da ein altes Bister-Monogramm (CS?, CG?) unterhalb des Bildes im knapp 6 cm breiten weißen und geknickt gewesenen Unterfeld angeschnitten erscheint.

Rechts unten in letzterem ein Bleistiftvermerk „11 ½“ zart in roter Tinte nachgezogen. Rückseits unten in Bleistift zudem „J. E. Ridinger, 1695-1767 / Samml. Reich, Boerne 1894 / Skizze in Rotstein“. Abgesetzt hiervon und weniger kräftig zudem „440“. Der Goldschmidt’sche Sammlungs-Stempel in Höhe des Bildes. Die gewisse Stockstippigkeit im Bilde selbst überwiegend nur in den Randpartien und kaum bewußt werdend.

Johann  Elias  Ridinger

Ulm 1698 – Augsburg 1767

Großer  wilder  Kuder

am  Fuße  einer  Kopfweide

Recht  sprechend  unter  drei  Wildenten

Deren Klügste fliegt davon, eine zweite macht noch die Laute, indes die dritte unter den Vorderpfoten der „entflammten Auges“ (Brockes) der protestierenden zweiten gekrümmten Buckels und erhobener, unkorrekt zugespitzter (so auch auf Th. 1069 und, weniger prägnant, Th. 471) Rute Bescheid fauchenden Obrigkeit schon im Vollzug begriffen ist. Mittig dominant der Kuder, links die zwei ungepackten Enten, zur Rechten die Weide. Rötelzeichnung. 337 x 202 mm (Bildgröße 278 x 202 mm).

Thematisch  ist es in seiner stark augenbetonten Blickrichtung nach links zunächst der dort einen schnepfenartigen Vogel (Th. 1069: Waldschnepfe) verzehrende Kuder der

Vorzeichnung im Deutschen Jagdmuseum vom December 1737

Johann Elias Ridinger, Kuder

zu Blatt 18 (Th. 180)

der von 1738-1740 erschienenen Folge

der Jagtbaren Thiere mit den großen Spuren

– siehe Tafel XXV der 1980er Facsimile-Ausgabe der Vorzeichnungen – ,

den Ridinger fürs Kupfer indes änderte und ihn mit sich selbst beschäftigt zeigt .

Sodann der gleiche „entflammte“ Blick nach links und nun auch in seiner Buckligkeit dem der Zeichnung nahekommend, indes beutelos und damit a priori in eigener Stellung,

der Kuder oben rechts auf Blatt 24, Th. 219,

Johann Elias Ridinger, Die wilde Kaz oder Kuder

der 1736er Betrachtung der Wilden Thiere

mit den Brockes-Versen. Und beide Male in Anbindung mit starkem Baum. Und schließlich

obiger 1737er Kuder über seiner Waldschnepfe

Johann Elias Ridinger, Wild Katze oder Kuder

als der untere der beiden von Th. 1069 ,

der Wild Katze oder Kuder des Kolorierten Thierreichs

als Kupfer-Version hier nun nach rechts gerichtet .

Fußend aber auf eigens hierzu geschaffener 1755er Federzeichnung (Weigel, 1869, Nr. 743).

Stehen nun die Bäume von Vorzeichnung/Kupfer zu Th. 180 bzw. Kupfer Th. 219 in malerisch vollem Laub – begrünt auch das Laubwerk von Th. 1069, doch siehe unten – , so zeigt sich die Weide anstehender Zeichnung in ganzer, eben skizzenhafter, doch in der differenzierten Behandlung der Stammrinde keineswegs uninteressanter Kahlheit.

Eine derartige Ast/Zweig-Zeichnung findet sich auf Ridinger’s Kupfern nur ganz vereinzelt und überrascht auch bei ihrem zeichnerischen Vorkommen. Und angesichts der Vielzahl der im Œuvre bald offen, bald versteckt aufscheinenden Vergänglichkeits-Marken dürfte die Weide weniger der Skizzenhaftigkeit der Arbeit geschuldet sein, als vielmehr für ein bewußtes Vanitas-Symbol stehen, verdeutlichend das Schicksal der dritten Ente.

Daß sich jenes der 1069er Thierreich-Schnepfe vor einem zerborsten gefallenen Baumstamm vollendet, stützt diese Annahme sichtbar.

Und rückt hiesige Zeichnung weniger in die 1730er als in die zweite Hälfte der 1750er Jahre, zeitlich aufschließend möglicherweise gar zur 1762er Vorzeichnung zum indes gänzlich anders komponierten Katzen-Enten-Thema von Th. 389.

Und in eben diesem Zeitrahmen nicht zu übersehen auch die die Schwanzkrümmung des Kuders aufnehmenden und ihrerseits nach rechts kurvenden Pflanzenstengel am rechten Bildrand am Fuße des Weidenstammes, skizzierend, was auf 1760er Zeichnung zu Th. 722 gleichen Jahres von Stubbe als wesentliches Kompositionsschema wie folgt gesehen wird:

„ Zu den spätesten Arbeiten des Künstlers (1760) gehört das Tierkampfblatt ‚Der Wilde Büffel und das Crocodil‘ … Die eindrucksvolle Silhouette des angegriffenen (Büffels) … wird … optisch unterstützt von den zügigen hellen Kurven des Bündels aus Nilschilf rechts vom Büffel und noch einmal mehr durch den

mit  diesen  Kurven

konzentrisch  verlaufenden  Bogen  des  Krokodilschwanzes …“

und weiterer Schilfparallelen in nun kurvigem Gegenzug mehr. Wie, nur zart angedeutet, auch hier denn links des Stammes.

Daß im übrigen zusätzlich ausgerechnet während der Katalogisierung dieser Zeichnung ein gleichartig bebaumter Toter Wald von Max Pechstein aus 1935 zu Gesicht kam (Aquarell über Bleistift, Hauswedell & Nolte 434/I, 40), mag nur einen Anfänger überraschen. Es sei gestattet, aus dortiger Beschreibung den schönen Schlußsatz zu zitieren: „Die apokalyptisch anmutende Landschaft spiegelt deutlich die pessimistische Grundstimmung und elementare Verunsicherung der Zeit wieder.“

Hiesige Wildenten werden dem zustimmen und auch gern den Ridingers beipflichten, die die besagte Entenjagd im 1770 postum veröffentlichten Kupfer so treffend unterschrieben

„ Es ist doch nirgendswo im Leben eine Ruh .
Die Endten baden sich . Der Kater kom(m)t darzu “

(zusammen mit dem Fuchs/Enten-Pendant Th. 393/90 hier aufliegend).

Doch  unter  welchem  Aspekt  immer diese Zeichnung betrachtet sein will , sie fasziniert , sie lebt . In ihrer Unmittelbarkeit , in ihrer geistigen Frische , neben der sich manch bildhaft fertig ausgeführte Arbeit geradezu staatstragend ausnehmen mag . Den Disput zwischen Kuder und zweiter Ente , wir hören ihn förmlich . Untertönt vom leisen Klagen der gerichteten .

„Geistreich“ , „Trefflich“

nannten die Katalog-Bearbeiter vor 120/130 Jahren aus ihrer täglichen Begegnung mit einem ganz anderen Materialangebot als heute diese Zeichnung. Sie wußen zu sehen , sahen mit den Augen liebender Kenner , estimierten den wählerischen Zugriff ihrer Vorbesitzer . Denn

„ Handzeichnungen

stehen  nach  wie  vor  in  dem  Ruf ,

die  Domäne  der  aufgeklärten

Kenner  und  Liebhaber

zu  sein “

Frankfurter Allgemeine Zeitung

4. April 1992

Angebots-Nr. 15.763 / Preis auf Anfrage

niemeyer’s — zuverlässiger partner für’s bessere vom guten

Joseph  Georg  Wintter

1751 München 1789

1787  sichtbar  lustvoll  geschaffen

Joseph Georg Wintter, Bärengruppe

225  Jahre  später

nun  Ihnen  zur  Freude

Bärengruppe. Deren drei, davon die beiden vorderen, liegend bzw. stehend, spielend mit sich selbst beschäftigt, aufgerichtet indes der rechtsaußen halb verdeckte dritte, grimmen Blickes den Beschauer im Visier. Bister-Federzeichnung auf blau-grauem Bütten. Bezeichnet: JGW: (ligiert) 1787. 159 x 213 mm.

Bildhaft  ganz  durchgeführte  charakteristische  Studie

des schmalen Œuvre des früh vollendeten seltenen Hof- und Jagd-Kupferstechers des kunstsinnigen Kurfürsten Carl Theodor von Pfalz-Bayern (1742-1799), nach Leporini einer der wenigen bedeutenden deutschen Sammler des Barock und Rokoko, dessen 1781 bereits 8700 Zeichnungen und die neben München in Schleißheim versammelten Gemälde der Kurfürstlichen Galerie den heutigen Glanz der Staatlichen Sammlungen München ausmachen. Unter letzteren nicht zuletzt Frans Snyders’ (1579 Antwerpen 1657) Hauptwerk des von zwei jungen Löwen verfolgten Rehbocks, deren im Öl linksaußen verdeckter aufgerichteter hinterer Modell für Wintter’s hiesigen dritten Bären gestanden haben dürfte.

Ferdinand Piloty’s  1816er  Gegensinn-Wiedergabe  des  Snyders-Öls

Frans Snyders, Zwei junge Löwen verfolgen einen Rehbock

als  von  Tonplatten  gedruckter  Inkunabel  der  Lithographie

Bezeichnet: f. Snyders pinx: / f. Pilotj del. 39,3 x 54,7 cm.

Zugleich Mitglied der kurfürstl. Akademie zu Düsseldorf, avancierte Wintter just 1787 noch zum Hof-Cammerrat als „(u)nter denen zahlreichen Hof= und Freykünstlern des Churfürstl. Pfalz=Bayerischen Hofs“ selten (Forstcameralisten-Papst Wilhelm Gottfried von Moser, Jg. 1729, aus der „berühmten Cameralistenfamilie“ [Heß in der ADB], dessen 1757er Forstökonomie als formelle Begründung der Forstwissenschaft überhaupt gilt), verblieb bis heutigen Tages gleichwohl außerhalb des kleinen, gleichwohl zunehmenden Circels intimer Kenner im Windschatten des übermächtig nachwirkenden Ridinger, unbeschadet aufmerken lassender Stimmen gewichtiger Zeitgenossen wie dem résumé des Zeichnung wie in deren „Behandlung zwischen … Hollar und Riedinger“ (Nagler) stehenden Radierung auf den Punkt bringenden Moser’s

„ immer  besser  als  Riedingers “

im als zweite forstliche Zeitschrift „lange Zeit einen ehrenvollen Platz unter den Fachzeitschriften“ behauptenden noblen Forst-Archiv (Bd. IV, 1788, SS. 280 ff.) oder des gleichaltrigen Lorenz von Westenrieder (Jg. 1748, Theologe, namentlich aber Historiker), der ihm in seinem 1783er „Jahrbuch der Menschengeschichte in Bayern“ höchstes Lob widerfahren ließ und 1785 an den Lessing-Freund und Leipziger Schauspieldichter Christian Felix Weisse schrieb:

„ Dieser  Mann  besitzt  außerordentliche  Fähigkeiten .“

Seinen Niederschlag findend schließlich im statement Thieme-Becker’s XXXVI (1947), 79 f.

„ Nächst  Ridinger  der  beste  deutsche  Jagdschilderer  des  18. Jahrh. “,

nachdem aber schon 1909 bzw. 1921 Höhn (Studien zur Entwicklung der Münchener Landschaftsmalerei v. Ende d. 18. u. v. Anfang des 19. Jh., „einer der frühesten“ innerhalb der „ersten Anfänge der Münchener Landschaftsmalerei“) bzw. Wolf (Die Entdeckung der Münchener Landschaft, abbildend sieben seiner Radierungen) ihn in von der Jagd abgekoppelte Startlöcher versetzt hatten.

Hier  nun  aber  in  seinem  ureigensten  Metier .

Als  eine  zeichnerische  kleine  Kostbarkeit  sui  generis .

Angebots-Nr. 15.764 / verkauft

Es  war  schon  immer  etwas

aufregender , auf  der  Welt  zu  sein

Von  der  Hand  Johann  Jacob’s ?

Ridinger, Johann Jacob (? 1736 Augsburg 1784). Viel Luchse sind der Hirsche Tod. 13 letztere, deren zwei von drei bzw. einem Luchsen angefallen sind. Alle übrigen in wilder Flucht. Durchgängig belaubte abfallende Felsszenerie mit Gewässer im Vordergrund, in dem sich sechs – zwei kapitale – Tiere bereits befinden, davon eines beim Sprung von oben auf dem Rücken gelandet. Ein weiterer Kapitaler noch im Sprung begriffen. Oberhalb der Gruppe eine zweite von je zwei Hirschen und Tieren, davon einer der beiden ersteren mit souveränem Luftsprung den Beschluß bildend. Mittig links indes die Dominanz eines sich bäumenden Kapitalen mit abnormem Geweih mit einem ihn am Hals gepackten Luchs auf dem Rücken, einem zweiten angeklammert am Bauch und einem hinzuspringenden dritten rechtsseits, indes links dieser Gruppe ein weiterer Kapitaler ins Auge des Taifuns hineinflüchtet, dem ein vierter Luchs am Spiegel aufgesprungen ist. Eingefaßte Feder- und Tuschpinselzeichnung in Schwarz (Umriß) und Graubraun auf chamoisfarbenem festen Velin. 323 x 493 mm.

Verso unten rechts Namenszug eines mutmaßlichen Vorbesitzers in Bleistift, lesbar nur das „G:“ des Vor-, nicht der längere Nachname und eine von umlaufendem schmalen Kantenstreifen früherer Montage auf Rahmungskarton halbverdeckte Zweitzeile. – 3,5 cm langer Einriß in der rechten Oberecke und ein weiterer kleiner in der Himmelspartie ebenso versorgt wie die kleine Eckergänzung unten rechts. – Verso unwesentlich stock- und altersfleckig.

Inhaltlich sind es die verschiedensten bald direkten, bald indirekten Ridinger’schen Bildkomponenten, angeführt von dem luchsbefallenen aufgerichteten Kapitalen à la Th. 1144, siehe unten, doch ebenso an den Salto Mortale-Steinbock von Th. 363 erinnernd, dessen dort unter ihm hochspringender Luchs hier der rechtsseitige ist.

Bildhaft ausgesprochen dekorationsstarke

rasante , geradezu  aufregend  chaotische  Komposition

deren kürzliche Passage auf prominenter Auktionsbühne als Johann Elias Ridinger papierseits a priori ausgeschlossen ist, gleichwohl in großem Kontext zu diesem steht. Nämlich zur beeindruckend inhaltsreichen

kompositionell + formatmäßig  gleichartigen  Luchs-Hirsch-Gruppe

des Ridinger-Appendix von Johann Elias Ridinger’s Kunstnachlass in Handzeichnungen innerhalb des 1869er „Catalog(s) einer Sammlung von Original-Handzeichnungen … gegründet und hinterlassen von J. A. G. Weigel (1773-1846) in Leipzig“ und dort innerhalb der Hirsch/Reh-Gruppe wie folgt positioniert:

Und ergänzend aus Sammlung Coppenrath II (1889) die dortigen Positionen

Offensichtlich alle mehr oder weniger gleichen großen meist Quer-Formates, ergeben die Datierungen für ihre Entstehung mit 1745-1747 einen thematisch wie zeitlich eng begrenzten Rahmen von allenfalls drei Jahren. Was fragen läßt, was den Meister damals wohl so luchste, ob er ein bestimmtes, doch, wie hier schon an Hand zeichnerischer Lockruf-Arbeiten belegt, unrealisiert gebliebenes eigenständiges Luchs-Hirsch-Projekt verfolgte. Meist signiert, verweisen sie auf Johann Elias selbst. Was Studien des herangewachsenen Ältesten, Martin Elias, an Hand väterlicher Versatzstücke – denn zumindest anstehende Arbeit besteht durchgängig aus solchen – ausschließt. Inwieweit die Mitvierziger-Arbeiten diesbezüglich tatsächlich neue Gruppen und damit einen Steinbruch für zukünftige Arbeiten – wie etwa für die lt. Schwarz mit 1752/53 anzusetzende Zeichnung zur besagten Luchs-Steinbock-Komposition von Th. 363 – darstellen, bedarf weiterer Untersuchung.

Als die Mitvierziger betreffend, kommt die Hand des Vaters für anstehende Arbeit als auf Velin (linienfrei) nicht in Betracht. Um 1750 in England entwickelt, kam dieses herstellungsmäßig erst 1779 auf den Kontinent (Frankreich) und 1783 nach Deutschland. Analog zu den von Johann Elias lt. Eigenbekunden für die kolorierten Werke favorisierten holländischen Papiere ist für die Spätzeit ein Einsatz von Velinpapier außerhalb der bislang erwiesenermaßen graphischen Arbeiten unabhängig von dessen lokaler Herstellung generell umso weniger auszuschließen, als sich schon Johann Elias als Mitzwanziger mit einer Hirschhatz (Schwerdt III, Tafel 214; erlebnis ridinger, S. 5; jeweils farbig) als lt. Wend[1] dem „vermutlich früheste(n) deutsche(n) Schabkunstblatt in Farben“ als einen auch technischen Vorreiter etabliert hatte.

Immerhin tauchte in jüngerer Zeit im deutschen Handel eine mit Ridinger’s Jüngstem, Johann Jacob, in Verbindung gebrachte Waldlandschaft (Feder in Schwarz, mit Pinsel in Schwarz, grau laviert, 268 x 400 mm) mit Velin als Zeichengrund auf, die mit den vier 1773/74er folioformatigen signierten Zeichnungen (Jacob Ridinger del.) der Sammlungen Marschall von Bieberstein (Catalog der Handzeichnungen, Prestel 1879, 110: Waldgegenden mit Hirschen und Wildschweinen, Kreide) bzw. 1885 aufgelöster schlesischer Ridinger-Sammlung (Boerner XXXIX, 2079: Schöne Waldlandschaften mit Hirschen, wilden Sauen etc., Trefflich ausgeführte Bleistiftzeichnungen. Aufgezogen) korrespondiert und Blatt 15, Th. 210, der Brockes-Folge zitiert, zugleich aber durch weglassende Verfremdung der drei Sauen (sic!) Insider-Vertrautheit signalisiert.

Mit den vier Waldlandschaften nur als Literaturbekannten überwog im Falle der hier vorgelegenen unbezeichneten die Gewichtung des Papiers als Negativum. Was auch auf nun anstehende Luchs-Hirsch-Zeichnung zuträfe, wäre da nicht …

Johann Elias Ridinger, Steinbock + Luchs (Th. 363/Detail)Johann Jacob Ridinger, Aufgebäumter Hirsch mit 3 Luchsen (Detail)

Wäre da nicht Th. 1144 mit namentlich dem gewichtigen Specificum des sich bäumenden Kapitalen mit dem einen Luchs am Halse und dem anderen am Bauche, siehe oben. Und stammte die Übertragung nach väterlicher Vorlage ins Kupfer nicht eben von … Johann Jacob!

Womit dessen Beschäftigung mit jener merkwürdigen Mitvierziger-Gruppe auf silbernem Tablett liegt. Fiele die Entstehung des Kupfers in die Zeit nach Ableben des Vaters, bei dem Johann Jacob 31 war, fiele sie in die Zeit generellen Aufarbeitens väterlicher Hinterlassenschaft seitens der Söhne. Wie nicht zuletzt oben beigezogene Luchs-Steinbock-Variante aus der erst 1779 abgeschlossenen Folge der Vorfallenheiten.

Sind diese Überlegungen zur Urheberschaft anstehender Zeichnung zwangsläufig nicht zwingend, so nach derzeitigem Wissensstand gleichwohl plausibel. Und denkbarer, als daß einer der verschiedensten Ridinger-Kopisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich ausgerechnet mittels eines von ihm nach hiesiger Übersicht nicht verwandten Luchs-Hirsch-Themas als Dominante eingeübt haben sollte.

Hermann Menzler, Jagd-Album (Detail)Johann Jacob Ridinger, Springender Spießer (Detail)

Einer analog zu hiesigem Hirsche oben Mitte durch die Luft springenden Gemse begegnen wir immerhin auf dem ebenso schönen wir raren Titelblatt zu Hermann Menzler’s lithographischem Ridinger-Jagd-Album von 1863/65, siehe dessen Abbildung Seite 85 besagten hiesigen 1998er Ridinger-Erlebnis-Katalogs. Doch den Luchs handelte er in Verbindung mit einem Stier nach Th. 303 ab, welcher Geschehensabfolge auch der Luchs-Steinbock-Kampf von Th. 364 folgt, also gänzlich konträr zu seinem Obsiegen gegenüber den hiesigen Hirschen.

Für deren Luchs-Erfahrung aber konnte Johann Jacob auf obige beeindruckende Passage väterlicher Vorlagen zurückgreifen. Mit jeder Arbeit als einer Variante. Und mit anstehender als einer weiteren. Und mit 13 als den meisten Hirschen dazu. Und eben diesem Scenarium widmete er Thienemann 1144 als eines großen, anspruchsvollen Blattes. Nach eben väterlicher Vorlage. Gleichwohl folgt die Wertung dem Blatte als solchem.

Johann Jacob Ridinger, Flüchtende Hirsche im Wasser (Detail)

Johann Elias Ridinger, Edel=Hirsch von 58 Enden (Menzler/Detail)Johann Elias Ridinger, 1678er Hirsch bei Neuburg/Donau (Detail)

Links aus Th. 260 (1741) via Menzler , rechts aus Th. 266 (1742) via hiesiger spiegelbildlicher Druckplatte

Kurz ,

Ein  Ridingerianum  mit  Fragen . Gewiß . Doch  nicht  ohne  Antworten .

Die hiesigerseits auf Johann Jacob verweisen , je öfter das Blatt betrachtet , die Fakten gewichtet werden .

Angebots-Nr. 16.029 / Preis auf Anfrage

  1. Johannes Wend, Ergänzungen zu den Œuvreverzeichnissen der Druckgrafik, Bd. I.1, 1975, Nr. 94.

“ Hello again! It arrived this morning – everything fine and ready for framing! Thank you for your kind assistance. Best regards ”

(Mr. J. R. L., May 25, 2005)