Und schon gar wenn’s um eine
Fortsetzungs-Story
geht . Sie erinnern sich, daß und wie niemeyer’s Dresden’s 2010er Frage
„ Was ist SCHÖN ? “
als Thema der großen Sonderausstellung im Deutschen Hygiene-Museum am Lingnerplatz auf seiner Bühne , auf seine Weise begleitete und zum Ausklang per Januar-AHA seine Antwort auf die von Wolfgang Klein im Ausstellungskatalog aufgeworfene Frage vorschlug, was Rilke wohl mit seinem statement Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang gemeint haben könne.
Und wie niemeyer’s sie mit dem Platen-Wort Wer die Schönheit angeschaut mit Augen , ist dem Tode schon anheimgegeben beantwortete und mit ridinger’s Omnia mihi subdita illustrierte. Als hoffnungsfrohen Ausblick, mehr noch, als Gewißheit, aber Reagan und Goethe in den Zeugenstand rief und auch den Volksmund nicht übersah, dessen
„ aber das Leben geht weiter “
ebenso banal wie wahr ist.
Und hier denn als versprochene Fortsetzung in Scene gesetzt sei mit
ob altes Jahr ,
ob neues Jahr ,
ewig rollt …

Der Venuswagen
Eine Sammlung
erotischer Privatdrucke
MIT ORIGINAL-GRAPHIK
Herausgegeben
als
PRIVATDRUCKE
DER
GURLITT-PRESSE
von
Alfred Richard Meyer
( Munkepunke )
Erste Folge
9 Bände
( Für jeden Folgemonat einer .
Alles Erschienene , na klar )
Berlin 1919/1920
Einmalige Auflagenhöhe
740 Exemplare
( 700 für Krethi + Plethi
+
40 für die Hautevolée )
Det is ja alles janz schen .
Nur nich für niemeyer’s Selbstverständnis .
Unter Römisch No. I un sowat tun die’s nun mal nich .
Also ? ?
Natürlich ! ! Natürlich legendär ! !
Doktor Heinrich Stinnes’
obligatorische Nummer I ! !
In bordeauxrotem Maroquin
mit Band für Band dem prankenhaften Besitzeintrag ! !
Innert niemeyer’s red series . Na also .
» Kunst ist Geist ,
und der Geist braucht sich ganz und gar nicht
auf die Gesellschaft , die Gemeinschaft verpflichtet zu fühlen .
Eine Kunst , die ‚ins Volk geht‘ ,
die Bedürfnisse (ergänzbar hier , des Staatsanwalts)
der Menge , des kleinen Mannes ,
des Banausentums
zu den ihren macht ,
gerät ins Elend «
Thomas Mann
Fürst der No. I
Das dem Aufgalopp des Venuswagens gleichen Jahres vorausgeeilte Prospektbuch von drahtgehefteten 33 Blatt „in einem Umschlag vom Aussehen einer Toilettenseifenpackung … als Vorgeschmack des zu Erwartenden“ (Horst Stobbe) ist hier ebensowenig präsent wie der 1922er 14seitige Privatdruck Denkschrift betreffend Beschlagnahme des ‚Venuswagens‘ von Alfred Weise. Letzterer, weil die Reihe brandfrisch ins Kölner Vorortdomizil des Industrieerben gelangt war, ersteres, weil dieser Gigant unter den Sammlern neuzeitlicher Graphik + Buchillustration ab etwa Goya – Lugt nennt rund 200.000 Blatt – sich seiner No. I sicher sein durfte. Welcher Verleger hätte es sich wohl versagen mögen,
diesem absoluten Bedürfnis dieses absoluten Charakters
umso selbstverständlicher zu entsprechen, als durch Aufnahme in diese erlauchte Versammlung seine Edition und damit sich selbst geadelt zu sehen. Gurlitt, Kunstpapst seiner Zeit, nummerte anstehenden Falls nur nüchtern
„ Dieses Exemplar der Vorzugsausgabe trägt die Nr. I “,
wobei nur die I handschriftlich eingesetzt ist. Anderwärts ging’s auch anders. Imprimée spécialement pour M. le docteur Stinnes lautete zusätzlich zur I das Impressum eines gleich zu Anfang 1959 hier durchgelaufenen Bandes. Es war mein erster Stinnes. Und ein früher Stolz dazu. Und unverändert frisch ist die Faszination gegenüber dieser Grandeur eines Sammlers, ja, gegenüber sammlerischer Provenienzen generell ob ihres kaum begrenzten Fortlebens weit über die Zeitlichkeit von Person und Sammlung hinaus, bereit zu vertrauter Zwiesprache mit einem der ihren, Einblick gewährend nicht zuletzt ins Innerste.
So denn auch hier. Band für Band auf dem Vorsatz der von Erwerbsquelle + Preis begleitete handschriftliche Besitzeintrag des Sammlers in tiefschwarzer Tinte.

Welch eine Hand hat ihn geführt !
Imperiale Schriftzüge nannte sie, ins Schwarze treffend, Die Zeit am 5. Januar 1950 gelegentlich einer weiteren der seit 1932 laufenden Nachlaßauktionen (Zeit online). Und weiter
„ Man erkannte sein Temperament auch an den Federzügen, die eine mächtige Klaue auf den Passepartouts oder auch auf den Blättern selbst angebracht hatte. In das Haus nämlich … gelangte kein graphisches Blatt, von dem nicht auf diese, fast manische Weise Besitz ergriffen worden wäre. “
So scheint’s in der Tat. Und findet seine Entsprechung im roten Sammlungs-Stempel nebst 1/40 im Rand links unten
einer jeden

der
73 Graphik-Tafeln
Apropos Besitzeintrag erweist sich der ansonsten des Pudels Kern trefflich treffende Zeit-Schreiber indes als bibliophiler Ignorant, wenn er aufstöhnt:
„ Nicht mit dem Bleistift etwa, den ein tilgender Radiergummi leicht hätte entfernen können ( sic ! ) , sondern mit tief schwarzer Tinte und imperialen Schriftzügen, oder gar mit einem impertinenten Tintenstift, der sich mit Wollust in die Haut des edelsten japanischen Papieres eingrub. Eine Tätowierung, die alle Entfernungskünste der erfahrensten Restauratoren verhöhnt. “
Nur ein Jacobiner käme wohl – und mit Sicherheit – je auf den Gedanken, ein solches Autograph, eine solche Besitz-Trophäe blauesten Blaus unter die Guillotine eines Radiergummis zu zwängen! Welch ein Sakrileg! Welch eine Entgleisung! Wo doch
„ … diese kräftige Inbesitznahme
vielleicht der harten Hand des Bruders Hugo Stinnes (entsprach), die nach den Aktienpaketen der deutschen Industrieunternehmen griff ? War das Vollständigkeitsstreben, das besitzende Beherrschen eines weiten Gebietes,
der Charakterzug ,
der die beiden sonst so verschiedenen Brüder verband ? “
Er war einer der Lannas , der Gutmanns , der Davidsohns , der Thyssens als den in der alten Welt
„ ersten Sammler(n) der Weltkultur ,
die aus einer industriellen Welt komm(en)
… (und) mit keiner der früheren (fürstlichen) Sammlertypen (noch) etwas gemein (haben) “ (Lothar Brieger, Das Kunstsammeln, 3. Aufl., 1920, Seiten 10 ff.). Und, als denke er Heinrich Stinnes als den Prototypen schlechthin, fortfahrend, „ Er ist , mag er es auch nicht immer gerne hören ,
ohne den Händler nicht zu denken ,
schon aus dem Grunde, weil eigentlich der Händler der einzige Mensch war, mit dem er sich verstand … (Und) Hand in Hand mit der Kultivierung des Händlers ging (zugleich) die Entwicklung eines besseren Museumswesens.“ Und resümierend
„ Denn in der Tat haben jene Sammler , die wir als die Väter unseres heute wieder aufgeblühten Sammlertums ansprechen dürfen
nichts gelebt , nichts geliebt und nichts genossen als Kunstwerke .“
Heinrich Stinnes (1867-1932) war einer dieser Granden. Reinblütig wie kaum ein anderer. Ein Prinzipal , wie Bruder Hugo auf seinem Felde. Doch, siehe da, zeitüberdauernder blieb das seine. Wir verneigen uns in Ehrfurcht.
niemeyer’s ist stolz , aus dieser Provenienz , aus dieser Parade der Ier , nicht nur abermals ein sammlerisches highlight an sich gebracht zu haben , sondern mit diesem den Verleger 1000 Mark Unsittlichkeits-Strafe kostenden 9-Bänder zugleich
eine kulturgeschichtliche Fackel
par excellence ,
die Iustitia’s Moralempfinden aufglühen ließ ,
als habe die junge Republik , die Schrecken des Krieges noch hautnah vor Augen , nichts Dringenderes zu tun , als einer noblen Edition für einen kleinen Circel geistiger Elite wegen an den Strommasten aufzufahren , um der
Freiheit der Kunst
Saft und Kraft zu entziehen . Es gibt sie auch heute wieder . Diese Aufgeregtheiten , dieses panische Eifern , Dinge überhaupt erst ins Rampenlicht zu zerren , die die Republik sollte ertragen können .
Da hilft nur eines :
das Aufschließen der Seele . Des eigenen , des sammelnden , des kunstliebenden Ichs .
„ Die Nacht ist am schönsten “
sagte der Pianist Eduard Erdmann , Büchersammler von Graden , einst zu seinem Oberkellner im Weinhaus Wiesel in Köln . Heinrich Stinnes läßt grüßen .

Bordeauxrote Orig.-Maroquin-Bände auf 5 Bünden
in Quarto (30,7 x 25 cm) mit blindgeprägter Vorderdeckel-Vignette und ebensolcher Filete auf beiden Deckeln sowie, goldgeprägt, auf dem Rücken, wie auch die Titel, grünen Moiré-Spiegeln + -Vorsätzen sowie Kopfgoldschnitt. Zweiseits unbeschnitten.
Literatur
Das Graphische Jahr
Fritz Gurlitt
2. Auflage , Berlin 1922 , SS. 73 f.
Hayn-Gotendorf
Bibliotheca Germanorum Erotica & Curiosa
Bd. IX (1919)
Hrsg. von Paul Englisch
Seiten 600 f. + Einzelverweise bei den Titeln
Bilderlexikon der Erotik
Bd. II (1929), 868 f.
Paul Englisch I
Geschichte der erotischen Literatur
Berlin 1927
Seite 287, 3 + Einzelverweise bei den Titeln
Paul Englisch II
Irrgarten der Erotik
Eine Sittengeschichte über das gesamte Gebiet
der Welt-Pornographie
Leipzig 1931
Seite 299 + Einzelverweise bei den Titeln
L. Lang
Expressionistische Buchillustration
in Deutschland 1907-1927
Luzern (1975) , 70 , 134 + 144
Der Serientitel Der Venuswagen nach dem gleichnamigen Schiller-Gedicht
als Band 1 der Reihe, deren 40 Vorzugs-Exemplare auf starkem Bütten gedruckt und in Leder (so hier) oder Pergament oder auch, wie nicht im Impressum vermerkt, in Seide gebunden wurden.
Serien- wie Einzel-Titel meist in Rot + Schwarz. – Innerhalb der großzügigen Titelei auf Seite 3 jeweils Serien-Vignette – Bildinhalt der ersten Bände später abgeändert – in Lithographie, wie im folgenden nicht eigens wiederholt. – Druck der Graphiken auf der Gurlitt-Presse. – Neben dem Moiré-Vorsatz eingangs 2 + am Schluß 1 zusätzliche fliegende Blätter. Auf jedem dem vorderen Moiré-Vorsatz folgendem fliegenden der eigenhändige Besitzeintrag von Dr. Stinnes mit vollem Namen + Erwerbsvermerk in schwarzer Tinte. Die Graphik-Angabe der Titel hs. beziffert, soweit im folgenden nichts Gegenteiliges vermerkt. – Mit Ausnahme von zwei hierfür nicht vorgesehenen und einer versehentlich übergangenen Arbeiten sind
sämtliche Graphiken sowie das Impressum
vom jeweiligen Künstler signiert .
Unbeschadet beschriebener und, für sich allein gesehen, durchaus störender Erhaltensmängel zweier Bände erwartet Sie ein
ausgezeichneter Erhaltungszustand + als Ganzes eine Augenweide ,
die besagte Mängel souverän überspielt. Dieses Exemplar ist schlichtweg
ein von Provenienz + Römisch I
unwiederholbar geadeltes Gesamtkunstwerk

„ Sämtliche (noch greifbaren) Drucke
wurden beschlagnahmt “
(Englisch I. – Details auch bei den Titeln)
„ Der Venuswagen hat kräftige Gewürze , saftige Kräuter aus Abendland und Morgenland geladen . Künstler mit Namen geben die Zukost , Herr Alfred Richard Meyer führt die Zügel . Erotik zieht – Erotik zieht besser denn je . Heia wird das eine Fahrt werden … “
(Horst Stobbe in Die Bücherstube, Jg. I, H. 2, SS. 71 f., zitiert nach Hayn-Gotendorf, a. a. O., S. 600).
Die Gerichte sahen das , siehe oben , anders .
Oder eben so . Wie man’s nimmt .
Nach 90 Jahren ist auch das relativ. Die Stolperschwelle der Empfindsamkeiten folgte der Stärke des dargebotenen Tobacks. Gleichwohl , niemeyer’s , unverändert gestrig in Estimierung des wirklich Sublimen, wird sich bei nachfolgenden Proben künstlerischen Einfallsreichtums eher zurückhalten, als mit dem Vollen zu locken und nicht vorwegnehmen, was erst noch entdeckt werden will. Kurz , er hält’s mit den
Damen vom Kurfürstendamm
in Günter Neumann’s unsterblichem Insulaner Kabarett
50 years ago
„ Sie sind wirklich zu prüde , meine Liebe .“
„ Oh nein .
Die Künstler sollen und müssen mit den Musen gehn .
Aber wo gehen sie hin ?
… wenn Goethe mal ordinär sein wollte ,
hat er drei Pünktchen gesetzt … “
100 Jahre später aber
hätte er Herrn Alfred Richard Meyer gebeten …
Der Venuswagen
Ein Gedicht. 1781.
Mit 8 (7 [sic!] signierten) Farb-Lithographien
(15 x 25 bzw. [7] ca. 26 x 21-21,5 cm ,
2 davon im Stein bezeichnet mit
Venusfinger bzw. Inquisitia)
von
Lovis Corinth
(Tapiau 1858 – Zandvoort 1925)
33 Seiten, 1 Blatt Impressum, 2 fliegende Endblätter. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin
DER VENUSWAGEN I
H.-G. IX, 528 f.; Englisch I, 217 f.; E. II, 254 f.; Simon, Schillers ‚Venuswagen‘, Euphorion 20/3 (1914)
Kein Exemplar
in der zu 297 Lots zusammengefaßten
graphischen Corinth-Sammlung Beckmann=Bremen
bei Puppel (Hollstein & Puppel), Berlin 1941
Europa auf dem Stier versehentlich unsigniert geblieben. – Bundstege leicht beschabt wie auch je eine Stelle an Oberfeld und Unterkante des Rückens sowie der oberen rechten Vorderdeckel-Ecke.
„ Wenn wir Schillers Werke nach dem Gedicht ‚Der Venuswagen‘ durchblättern, werden wir es kaum finden. Schillers erste Verse sind stets verfemt gewesen. Der Dichter hat sie selbst unterdrückt. Dennoch – sie sind gerade für den Anfang des großen künstlerischen Schaffens überaus charakteristisch; ihr Wert ist nicht allein im literarischen Kuriosum zu suchen.
Als Schiller im Dezember 1780 aus der Stuttgarter Militärakademie entlassen wurde, nahm er bei der Witwe eines Hauptmanns, bei Frau Luise Vischer, Wohnung, die wir als die berühmte ‚Laura‘ anzunehmen haben. Zu derselben Zeit, als der Verfasser der ‚Räuber‘ 1781 seine ‚Phantasie an Laura‘ schrieb, muß auch der ‚Venuswagen‘ entstanden sein … ‚(Er) wendet sich in der feurig-schwunghaften Art, die Schillers Jugendgedichten eigen ist, und ohne in der Wahl der erotischen Ausdrücke irgendwie an sich zu halten, gegen die gesellschaftliche und kirchliche Heuchelei in geschlechtlichen Dingen. In die meisten Ausgaben von Schillers Gedichten ist es nicht mit aufgenommen‘ “
(Alfred Richard Meyer im hiesigen Nachwort).
Der zahme Aufgalopp

„ Jünglinge , o schwöret ein Gelübde ,
Grabet es mit goldnen Ziffern ein !
Fliehet vor der rosigsten Charybde
Und ihr werdet Helden sein .“
„ (Corinths) grobschlächtige Zeichnungen (so auch hier) … beschäftigen sich mit dem Weib als der dämonischen Bezwingerin des Mannes … (und) stellt er das Weib niemals als die Zärtlichkeiten des Mannes duldend dar, sondern unterstreicht mit starken Strichen des Weibes kraftstrotzende Vitalität, an der sich des Mannes Aktivität erst entzündet … Corinths ganzes Schaffen ist ohne die Brutalität seines stets ungestillten sinnlichen Verlangens nicht zu verstehen … Er empfindet das Göttergeschenk der Wollust viel eher als eine Qual, für die er den Dämon Weib verantwortlich macht …
Die Illustrierung des … ‚Venuswagen‘ …
in dem Schiller gegen die wollüstige ‚Metze Weib‘ vom Leder zieht ,
mußte ihm deshalb besonders gut liegen ,
und ausnahmsweise kann man diesmal der Auffassung des Gerichts beitreten, wenn es die Beschlagnahme der Bilder (hinter Bl. 12, 18, 20, 24) aus dem Grunde verfügte, weil der Nachdruck zu sehr auf das Geschlechtliche gelegt, zu deutlich die Lust am Geschlechtsverkehr und die Lüsternheit bei Mann und Frau auf ihren Gesichtern ausgeprägt sei (Akt. Z.: 2. b. J. 26/20 Ldg. II Berlin) “
(Englisch II, Seiten 252-255).
E. Jouy = Victor Josephe Etienne
genannt nach seinem Heimatorte de Jouy
Sappho
oder
Die Lesbierinnen
(1799)
Mit Titel- + 6 signierten Tafel-Radierungen
(ca. 19,5 x 14,5 cm)
sowie reizvollen Initialen
von
Otto Schoff
(Bremen 1888 – Berlin 1938)
Aus dem Französischen von Balduin Alexander Möllhausen
25 Seiten, 1 Blatt Impressum, 2 fliegende Endblätter. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin
DER VENUSWAGEN II
H.-G. IX, 309 f.; Englisch I, 287 + 425; E. II, 242 + 265-266
Die grünen Spiegel + Vorsätze mit Wasserrand oben. Vorn maximal 4 cm tief und abnehmend durchfärbend auf die ff. beiden weißen Vorsatzblätter, der Stinnes-Besitzeintrag hiervon ebenso unberührt wie hinten die makellose Impressum-Seite mit Römisch I + der Schoff-Signatur. Hinten ansonsten 11 cm tief und stark durchfärbend auf die beiden weißen Schlußblätter, deren erstes vorderseits aber nur noch gering betroffen. Schwach grüner Oberrand dann auf Seiten 9/10 + Folgeradierung, dann durchgängiger, teilweise praktisch nicht wahrnehmbarer schwacher schmaler Braunstreifen, die äußerste Oberkante gelegentlich auch angegrünt. – Je ein Seiden-Deckblatt rechts- bzw. unterrandig schadhaft. – Von den Einband-Wasserstreifen im Grunde nur erwähnenswert der leichte kleine Dunkelrand linkshälftig der Unterkante des Vorderdeckels, ordnungsgemäß registriert ansonsten noch Vorderdeckel oben + dreiseitig am Rückdeckel. Alles in allem gleichwohl nicht weniger, aber auch nicht mehr als ein partieller Ausrutscher bei makelloser Frische alles Übrigen.
Nach Jahren des Kriegshandwerks 1797 die Waffen niederlegend, widmet sich Jouy (1764-1848, Librettist von, u. a., Rossini’s Wilhelm Tell) der leichten Muse und wird einer deren Besten seiner Zeit.
„ Jetzt, 1799, stehen wir im Geburtsjahr seines köstlich erotischen Büchleins, der ‚Galerie des Femmes‘, deren siebentem … Gemälde ‚Sappho ou les Lesbiennes‘ Charles Monselet in seinen 1862 zu Paris erschienenen ‚Galanteries du XVIIIe Siècle‘ ein längeres Kapitel widmete. Bei uns hat vor allem Iwan Bloch in seinem ‚Sexualleben unserer Zeit‘ (10.-12. Aufl., Bln. 1919, S. 767) auf Jouys ‚Lesbierinnen‘ aus der ‚entzückenden Galerie des Femmes‘ als auf ein
klassisches Meisterwerk der erotischen Literatur
der ersten französischen Republik hingewiesen. Es soll nicht verschwiegen werden, daß Jouy sich später
dieses schönsten und gewagtesten seiner zahlreichen Werke
geschämt hat … “
(Balduin Alexander Möllhausen im hiesigen Nachwort).
Beschlagnahmt denn auch noch 120 Jahre später in Deutschland „wegen des Inhalts und der Radierungen von Otto Schoff … Ein junger Stutzer beschreibt darin seinem Freunde die Tribadenszene dreier Mädchen in wahrhaft klassischer Form. Der Inhalt ist … stark mit Erotik durchtränkt. Allein die allerliebste Sprache läßt den Leser die Gewagtheit des Stoffes vergessen“ (Englisch I, 287 + 425). Und im übrigen fängt „Der Skandal … (überhaupt erst) an, wenn die Polizei ihm ein Ende macht“ (Karl Kraus, Sprüche und Widersprüche, Ffm., Suhrkamp, 1984, Seite 42). Hier denn in der Tat. Denn, so Englisch II, 265 f. :
„ Die lieblichen Mädchenbildnisse, die er in erotischer Betätigung wiedergibt, haben viel von dem graziösen Strich Fragonards an sich … Seine bekanntesten Werke sind: 6 Radierungen zu … “, na, wozu wohl?
Und so qualifizierte sie H.-G.

Textbeginn-Initiale erotisch ,
nach Seite 10 ( die obige ) frei , nach Seite 12 erotisch ,
nach Seite 16 obszön , nach Seite 18 frei ,
nach Seite 20 erotisch .
Zahlreiche freie Initialen
Fabeln
aus dem
indischen Liebesleben
Mit 10 signierten Farb-Lithographien
mit zusätzlichem Monogramm im Stein
(19,5-22 x 16-17,5 cm)
sowie einschlägigen großen Kapitel-Initialen
und figürlichen Oberleisten + Schlußvignette
von
Richard Janthur
(Zerbst 1883 – Berlin 1956)
47 Seiten, 1 Blatt Impressum. – Textdruck Spamersche Buchdruckerei Leipzig
DER VENUSWAGEN III
Durchgehende Wellung von schwachem Wasserrand im Oberrand, Anfangs- + Schlußblätter etwas stärker. Unten meist nur leichter gewellt und ohne Wasserrand, zudem auch nicht ganz durchgängig. Im Leder nur wenig störende Spur im Oberrand der Deckel. – Ein Seiden-Deckblatt im unteren rechten Rand und Unterrand schadhaft. Dies alles gleichwohl tolerierbar, überspielt von der schönen Typographie und … der starken Bildhaftigkeit der Illustrationen. Eingeschlossen selbst noch die Initialen.

Verehrung dem hohen Ganesa! – Drei Mißgeschick’ aus eigner Schuld – Der Weber als Wischnu – Was ein einziger Spruch wert ist – Der alte Ehemann und die junge Frau – Der Zimmermann und sein treuloses Weib – Der Brahmane und sein ehebrecherisch Weib – Wie eine Frau Liebe belohnt – Weiberlaunen – Die von ihrem Galan betrogene Ehebrecherin – Wunderbare Heilung eines Blinden, Buck’ligen und einer dreibrüstigen Prinzessin .
„ In der Folgezeit, die mit einer Reise nach Griechenland (1911) begann, entwickelte (Janthur) sich zu einem Expressionisten, der besonders im Stilleben starke Wirkungen erzielt hat. Am eindringlichsten indessen wirkte sich seine Begabung als Graphiker (Radierer und Lithograph) aus; er schuf Illustrationen, die weniger den Text begleitenden als korrespondierenden Charakter haben. Mittels eines Systems erregter Linienführung, die sich nur vage an das naturalistische Vorbild hält, weiß er der jeweiligen Dichtung
die inneren Spannungen und seelischen Kräfte abzugewinnen .
In solcher ganz persönlichen Form hat er u. a. ‚Gullivers Reisen‘ , ‚Gilgamesch‘ ,
‚Pantschatantra‘
… illustriert … Er beschickte in der Hauptsache die Ausstell(ungen) der Berliner, später Freien Sezession seit 1911 und stellte mit der ‚Novembergruppe‘ seit 1919 auf der Gr(oßen) Berl(iner) Kunstausstell(ung) aus “
(Thieme-Becker XVIII [1925], 421).
Das
Aldegrever=Mädchen
Eine Novelle
1911
Mit 8 signierten + kolorierten Lithographien
von
Georg Walter Rössner
(Leipzig 1885 – ?)
(„ frei , aber nicht erotisch “ (H.-G. IX, 400 ;
19,5-22 x 13-19 cm)
und großer Eingangs-Initiale
40 Seiten, 1 Blatt Impressum. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin
DER VENUSWAGEN IV

Titelei in Karminrot + Schwarz. – Impressum korrekt vom Künstler signiert, nicht vom Autor, wie dort irrig vermerkt.
Hinterlegte kleine Randeinrisse, schwacher Braunstreifen im Bug, stellenweise minimal stockfleckig. Minimale Bereibung am oberen Kapital und drei kleine Kratzer am Vorderdeckel unten links.
Henry de Kock / Balduin A. Möllhausen
Der Mord
im Kastanienwäldchen
oder
Die Ereignislose Hochzeitsnacht
Mit 6 signierten Farb-Lithographien ,
davon nachfolgend eine der drei beschlagnahmten ,
mit zusätzlicher Signatur im Stein
(18,5 x 15 cm)
sowie illustriertem Titel
von
Franz Christophe
(Wien 1875 – Berlin 1946)
52 Seiten, 1 Blatt Impressum. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin
DER VENUSWAGEN V
Hayn-Gotendorf IX, 326; Englisch I, 508; Englisch II, 252.
Auf dem Vortitelblatt der Titel Henry de Kock / Die Geschichte vom Doktor Schultz. – Titelei in Grün + Schwarz. – Ohne die sammlungsspezifische hs. Angabe der Graphikanzahl auf dem Titel. – Anfangs minimale Stockstippen. – Minimale Abschabungen an oberem Kapital und drei Rückenstegen.
„ Henry de Kock blieb an Lüsternheit nicht hinter seinem Namensvetter (Paul de Kock) zurück … und schrieb auch manches andere freie Geschichtchen, zum Beispiel
in dem das Blutrünstige und Erotische
zu einer seltsamen Einheit sich zusammenfanden “
(Englisch I, 508).
Fußend auf einem authentischen, die Gemüter verstörenden Kriminalfall, der 1784 bei Mannheim seinen Anfang nahm und zehn Jahre später in Heidelberg seine eklatante Pointe fand.
„ Christophe … entstammt einer Berliner französ. Refugiés-Familie … Er hat für die Jugend , den Simplizissimus … die Lustigen Blätter und andere Zeitschriften gezeichnet … 1911 war er auch in der Internat. Kunstausst. in Rom mit einigen Federzeichnungen vertreten … Vielen seiner Blätter gibt er durch Kolorierung einen besonderen Reiz.
Der Einfluß Aubrey Beardsleys ist sowohl in seiner Zeichnung wie in vielen der gewählten Gegenstände unverkennbar “
(Thieme-Becker VI [1912], 549).
„ Seine Zeichnungen und Radierungen sind von warmem Leben durchpulst , sehr sinnenfreudig , halten sich jedoch von jeder Spekulation durchaus fern … Er bemüht sich … insbesondere die machtvollste menschliche Gemütsbewegung, die Liebe, zu schildern. Und das gelingt ihm technisch ganz meisterhaft … Von seinen erotischen Arbeiten sind zu erwähnen … “ Naaahh … ?
(Englisch II, 252).
Erotische Votiftafeln
Mit 7 signierten Lithographien
mit zusätzlicher Signatur im Stein
(11,5-20 x 14-15,5 cm)
von
Willy Jaeckel
(Breslau 1888 – Berlin 1944)
32 Seiten, 1 Blatt Impressum. – Textdruck Buchdruckerei Gustav Ascher, Berlin
DER VENUSWAGEN VI
Hayn-Gotendorf IX, 341 f.; Englisch I, 287.
Durchgängig in Rot + Schwarz. – Impressum entsprechend auf schwerem holländischen Bütten, nicht 1919er Zanders-Bütten wie von H.-G. vermerkt. – Anfangs nur ein zusätzliches, zudem in die Paginierung einbezogenes fliegendes Blatt. – Eines der Seiden-Deckblätter mit kleinem Ausriß und hinterlegtem Einriß im Unterrand.
Vilshofen’s „ die Mama betrübender “ (so Kristl in Bekenntnis zum sündigen Fleisch – H. Lautensack, in Börsenblatt für den Dt. Buchhandel, Frankfurter Ausgabe, Antiquariats-Beilagen, 1975) berühmt-berüchtigter Ausreißer Heinrich Lautensack mit
Mann und Weib – Das häßliche Mädchen – Onan – Maria Magdalena – Der Haremswächter – Pan – Die blinde Harfnerin bei den Felsen – Zeugung – Die Magd – Porträt aus Haaren verfertigt – Junge Jüdin – Das Korsett – Vom Übermut einer Tänzerin zur Nacht – Die Heiligsprechung der Hetäre – Der Traum der Eifersüchtigen – Caspar Münichs Liebe zu Lola Schmitt .
So denn gleichfalls

„ beschlagnahmt … wegen der Lithographien von Willy Jäckel “
(Englisch I, 287). Letzterer
„ Ließ sich … 1913 in Berlin nieder, wo er gleich bei seinem ersten Auftreten (in der Juryfreien Kunstschau 1913 u. in einer Kollektivausst. im Salon Fritz Gurlitt im gleichen Jahr)
als ein starker u. origineller Könner
die Aufmerksamkeit auf sich lenkte … Die Bilder der folgenden Jahre … zeigen eine intensive Weiterentwicklung … unter immer stärkerer Hervorkehrung der psychischen Ausdruckswerte seines erdenschweren, im Sinne einer mystischen Natursymbolik verwendeten menschlichen Gewächses … Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch den triebhaft-urweltmäßigen Charakter des J.schen Menschen, der (selbst) bekleidet das Erdgeborene und Erdgebundene nicht verleugnet. Die knorrige Modellierung u. der harte, herbe Kontur geben dem schweren, kraftvoll-sinnlichen Geblüt seiner Menschen eine Gewalt der Geste u. einen Grad von Aktivität, die auch den unbewegt dargestellten Körper mit Energie förmlich geladen erscheinen läßt …
Der starke innere Drang … war gewiß mit ausschlaggebend für diese geradezu leidenschaftliche Inanspruchnahme der Graphik, die ihm ermöglichte, in der breiten ausholenden Form der zyklischen Anordnung seine Ideen auszuspinnen. So entstanden … (unter anderen)
die 7 Lithogr(aphien) zu H. Lautensack: ‚Erotische Votiftafeln‘ “
(Hans Vollmer in Thieme-Becker XVIII [1925], 324 f.).
(François-Marie Mayeur de Saint-Paul)
Die Königliche Orgie
oder
Die Österreicherin bei Laune
Eine Oper
Von einem Leibgardisten veröffentlicht
am Tage der Pressefreiheit
1789
In Musik gesetzt von der Königin
Mit 6 signierten Tafel-Lithographien
( „erotisch und obszön“, H.-G.; 6,5-9 x 6-14,5 cm)
sowie 3 reizvollen Vignetten-Lithographien
von
Paul Scheurich
(New York 1883 – Brandenburg 1945)
Zum ersten Male in die deutsche Sprache übertragen von Engelbert Nern
und mit dessen Nachwort
Die Kleinen Gemächer
und der

Hirschgarten
38 Seiten, 1 Blatt Impressum, 2 fliegende Endblätter. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin
DER VENUSWAGEN VII
Barbier I, 323; Hayn-Gotendorf IX, 438
Der Autor von Herausgeber/Übersetzer unrecherchiert geblieben. – Serien-Vignette in Orange, Titelei in Orange + Schwarz. – Alle 6 Tafeln mit dem Sammlungs-Stempel wie Usus, doch nur fünf auch mit dem hs. 1/40. – Partiell schwacher Schatten eines schmalen Wasserrandes im Unterrand, im Impressum-Blatt und dem sich anschließenden weißen fliegenden etwas stärker. Eines der Seiden-Deckblätter schadhaft.
„ Die vorstehende ‚Opéra Proverbe‘ erschien (anonym und) ohne Ortsangabe 1789 unter dem genauen Titel L’Autrichienne en goguette ou l’orgie royale … Es handelt sich … um eine derbe Parodie jener kleinen Singspiele, die sich Ludwig XV. angeblich vorspielen ließ, und die in der Volksphantasie viel schamloser waren als gewiß in Wirklichkeit. Das Anekdotenhafte dieses Theaterchens der Wollust findet man in dem Buche
‚ Der Hirschpark oder das Serail Louis’ XV.
Eine Galerie geheimer Memoiren der jungen Mädchen ,
welche in demselben eingeschlossen waren ,
um zur Belustigung Ludwigs XV. zu dienen .
Ein Beitrag zur Chronique scandaleuse Frankreichs ‘.
Die Volkslegende war so einfältig, daß sie den größten Teil der Bacchanalien auch auf Ludwig XVI. und Marie-Antoinette übertrug … Der abgelegene Pavillon, zu dem sich der König unerkannt begab, lag in dem Quartier des Hirschparks …
Und die Oper von der königlichen Orgie, die zwei grundverschiedene Ludwigs verwechselt, (wollen wir getrost hinnehmen) als das, was sie ist: als ein Dokument der Revolution , eine freche Theaterszene , deren Urbild einmal
von viel zarterer Poesie war ,
wie sie der Kunst Paul Scheurichs wieder eigen ist “
(E. Nern in seinem Nachwort, „S. 27-38 interessante kulturhistorische Skizze des Übersetzers“, H.-G.). Und
„ Trotz des kulturhistorischen Interesses (anstehenden Bandes) verfiel (er) der Beschlagnahme “
(Az. 2. b. J. 26/20 , wie vor) .
Scheurich ist „Hauptsächlich bekannt durch s(eine) preziösen , im Rokokostil gebildeten Modelle für die Porzellanmanuf(akturen) Meißen, Karlsruhe, Nymphenburg u. Berlin. Seine graph(ischen) Mappenwerke bei Thieme-Becker genannt“ (Vollmer IV, 183). Darunter denn auch Die Königliche Orgie.
Die Kirschen
Mit 7 signierten Kreide-Lithographien
(„frei, aber nicht stark erotisch“, H.-G.; 17-20,5 x 10-19 cm)
sowie Vignetten + Oberleisten-Bordüren
von
Wilhelm Wagner
(Hanau 1887 – Bad Saarow 1968)
29 unnum. Blatt, 1 Blatt Impressum. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin
DER VENUSWAGEN VIII
Hayn-Gotendorf IX, 270; Englisch I, 191 f.
Dem Inhalt angepaßte geänderte Serien-Vignette. – Titel in Rot + Schwarz. – Die schöne große Typographie eigens erwähnenswert. – Eingangs originär nur ein zusätzliches fliegendes Blatt. – Ohne die sammlungsspezifische hs. Angabe der Graphikanzahl auf dem Titel. – Nur ganz gelegentliche Stockstippen. Minimale Bereibung der Oberkante des Rückdeckels.
„ Heinse (Pastorensohn + Wieland-Schüler, Langenwiesen, Thüringen, 1746 – Mainz 1803) trat für die Emanzipation des Fleisches ein. ‚Liebe gestattet keine Moral. Wer über seiner Leidenschaftsbefriedigung stirbt, ist selig!‘ bekennt er. Goedeke sagt von ihm ganz richtig: ‚Heinses Talent ist unverkennbar, aber ein Sinnentaumel ohne Liebe, Rausch ohne Gemüt ließen ihn nicht bis zur Schönheit der Seele und der Tat dringen …‘ … Er fertigte sein (anstehendes 1773er) Gedicht nach Dorat: Les Cérises et la double méprise, contes en verse … Dieser aber hat selbst zwei Vorgänger bzw. Vorbilder, nämlich Beroalde de Verville (Moyen de parvenir) und Grécourt. Das Sujet hat weite Verbreitung gefunden …
Die lüsterne Schilderung der (hier in Wort + Bild) enthüllten weiblichen Reize ist für Heinse die Hauptsache. Aber in erotischer Hinsicht, in der Verherrlichung des freien Sinnengenusses, blieb Heinse nur ein Stümper. Seine Schriften sind auch
nur für einen geistig fortgeschrittenen Leserkreis berechnet .
Seine Nachtreter und Nachbeter verstanden es besser, in die breiten Massen zu dringen, da sie dem Geschmacke des Lesepöbels sich willig anbequemten … “
(Paul Englisch). Und Robert Koenigs Deutsche Literaturgeschichte, 4. Auflage, 1879 :
„ (Von Italienreise) in die Heimat zurückgekehrt, trat er in den Dienst des aufgeklärten Kurfürsten von Mainz als Hofrath und Bibliothekar. Unter den Augen dieses geistlichen (Sperrung im Original) Herren schrieb er seine unsittlichen Bücher und las sie im Hofkreise mit großem Beifall vor. “
„ Es war im Julius , als Herr von Strahl ,
Ein Held , kurz Friedrichs General …
Der Stadt Betäubung überdrüßig ,
Von kriegrischen Geschäften müßig ,

Beschloß , auf’s Land zu ziehn
Aus seinem prächtigen Berlin “
Gilles de Rais
Deutsch von August Döppner
Mit 15 signierten Lithographien
von
Willi Geiger
mit zusätzlichem Monogramm im Stein
(11-20,5 x 5,5-18 cm)
sowie nur steinsignierter großer figürlicher Schlußvignette
und figürlicher Eingangs-Initiale
40 Seiten, 1 Blatt Impressum, 2 fliegende Endblätter. – Textdruck von Otto von Holten, Berlin.
DER VENUSWAGEN IX
Hayn-Gotendorf IX, 298; Englisch I, 523 f.; Englisch II, 257
Nur der Serientitel in Rot + Schwarz bei gleichzeitigem Fortfall der Serien-Vignette. – Die irrige Impressum-Angabe bezüglich nur 35 Vorzugs-Exemplaren hs. in 40 berichtigt. – Ein Seiden-Deckblatt schadhaft. Rückdeckel mit schwacher langer Kratz- und drei minimalen Schabspuren, solche auch am oberen Kapital und den Rückenstegen.
Gilles de Rais’ (ca. 1405-1440) Eintritt unter die Augen der Öffentlichkeit war ebenso bemerkenswert, wie sein Ende schrecklich. „(V)on berauschender Schönheit, von seltener Eleganz … reichste(r) der Barone Frankreichs … (Beschützer Jeanne d’Arcs.) Er folgt ihr überall hin, steht ihr in der Schlacht zur Seite, selbst unter den Mauern von Paris, hält sich in Reims am Krönungstage (Karl VII.) neben ihr, wo ihn … der König mit 25 Jahren zum Marschall von Frankreich ernennt!“
„ Er war ein gelehrter Latinist, ein geistvoller Plauderer, ein großmütiger und zuverlässiger Freund. Er besaß eine für jene Zeit, wo sich die Lektüre auf Theologie und das Leben der Heiligen beschränkt, ungewöhnliche Bibliothek. Wir haben das Verzeichnis einiger seiner Manuskripte: Sueton, Valerius Maximus,
ein Ovid auf Pergament – in rotes Leder gebunden
und mit vergoldetem Silberschloß und Schlüssel .
In diese Bücher war er vernarrt ;
er hatte sie immer bei sich , wenn er reiste .
… Sein Tisch war für jeden Gast gedeckt; von allen Enden Frankreichs pilgerten Karawanen nach diesem Schloß (Tiffauges), wo Künstler, Dichter, Gelehrte eine fürstliche Gastfreundschaft fanden, Gemütlichkeit, Willkommsgaben und Abschiedsgeschenke …
Sicher ist (aber auch), daß die Seele dieses Mannes mit mystischen Ideen gesättigt war; seine ganze Geschichte beweist es. Er lebte an der Seite jenes außergewöhnlichen Mädchens, deren Abenteuer zu bestätigen scheinen, daß ein göttliches Eingreifen in die Geschehnisse hienieden möglich ist … “
Auf der Suche nach dem Stein der Weisen, bei alchemistischen Versuchen des Goldmachens, begibt er sich tiefer und tiefer in die Gesellschaft von Wunderversprechern und Ekstatikern. Er gleitet ab ins Verbrechen, folgend seinen inneren, seinen mystischen Stimmen. Und bittet am Ende seinen geistlichen Richter, eben Jean de Malestroit, um dessen „Fürbitte bei den Vätern und Müttern der Kinder, die er so grausam geschändet und gemordet hatte, daß sie ihm in seinem Tode beiständen“.
„ Und dieses Volk, dem er das Herz herausgerissen hatte, schluchzte vor Mitleid. Es sah in diesem dämonischen großen Herrn nur noch einen armen Menschen, der seine Verbrechen beweinte … und am Hinrichtungstage zog es von neun Uhr morgens ab in langer Prozession durch die Stadt, sang Psalmen auf den Straßen und schwur in den Kirchen, drei Tage lang für die Seelenruhe des Marschalls zu fasten. “
Für Geiger (Schönbrunn bei Landshut 1878 – München 1971) war dies ein Thema, wie namentlich in Waldemar Bonsels Kyrie eleison hervortretend, „in dem das Thema des Lustmordes nach künstlerischer Gestaltung drängt. Ferner stammen von ihm die Radierungen zu den erotischen ‚Novellen aus der italienischen Renaissance‘ und die Lithographien zu ‚Huysmans, Gilles de Rais‘ (Sammlung ‚Der Venuswagen‘ 1919) … Geigers Radierungen sind, vom erotischen Standpunkt aus betrachtet, reizlos, weil zu sehr das Gedankliche überwiegt und das sinnliche Moment dahinter zurücktritt“ (Englisch). Letzteres für seinen nach H.-G. 1914 entstandenen Gilles de Rais durchaus ein Vorzug.
„ Jean de Malestroit verließ seinen Sitz und hob den Angeklagten auf …
der Richter in ihm verschwand , nur der Priester blieb ;
er küßte den reuigen Sünder und beweinte seine Schuld …

‚Bete ,
damit der gerechte und furchtbare Zorn des Allerhöchsten schweige ;
weine ,
damit deine Tränen dein brünstiges Fleisch läutern .‘ “
» Denn immer
ist eine geistige Beziehung nötig ,
um den tiefverborgenen Wert
(der Autographen) zu erkennen .
Nur von der Seele her ,
nicht mittels der gröberen äußeren Sinne ,
kann die Schönheit
und der geistige Wert der Autographen
verstanden werden …
Auf solche geheimnisvolle Weise
haben die Autographen die Macht ,
uns die Gegenwart
längst entschwundener Gestalten
zurückzubeschwören … «
Stefan Zweig,
Sinn und Schönheit der Autographen,
in Begegnungen mit Menschen Büchern Städten
Frankfurt/M., S. Fischer, 1956, Seiten 441 + 446
Dies denn
der 9achsige
Venuswagen
Ihnen verbildlicht und betextet mit der Empfehlung , ihn sich vorrollen zu lassen , parat
für immer mal wieder
die letzte halbe Stunde eines Tages
für bald diesen , bald jenen Band ,
ganz nach Lust + Gefallen
und der Freude
an bald normaler , bald großer Typographie
als zugleich einer optischen Weide der Augen .
Denn ,
so Wilhelm Heinse im Vorwort zu seinen Die Kirschen ,
„ Für alle (Abgespanntheiten) des Geistes giebt es keine bessere Mittel , als die Erzählungen des la Fontaine , Boccaz , Grecourt , Hamilton , Crebillon , Voltaire , Dorat , Fielding , Cervantes , und einiger andern
Hippokratesse des Geistes ,
die man deswegen billig unter
die Wohlthäter des menschlichen Geschlechts
zählen muß . “
Wie denn die Autoren + Illustratoren , den Herausgeber , den Verleger , die Drucker des
Venuswagens
mit seinen seltenen Texten und trefflichen Veranschaulichungen
im hier denn noblen Vorzugs-Gewande ,
doch adäquater dargeboten als irgendwo sonst . Eben . Im Exemplar der
No. I
als ihres Fürsten
Des Doktor Heinrich Stinnes in Köln
Angebots-Nr. 15.648 / Preis auf Anfrage

“ I hereby confirm safe receipt of the two dias you so kindly sent us … Thank you so much for your kind help and splendid service ”
(Mrs. M. K., September 16, 2003)


