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Begleitend für den Lauf des Jahres Dresden’s Frage

„ Was ist SCHÖN ? “

Als Thema der im Deutschen Hygiene-Museum am Lingnerplatz vom 27. März 2010 bis zum 2. Januar 2011 laufenden großen Sonderausstellung, für deren Katalogband niemeyer’s die Illustrationen für Hogarth’s Analysis of Beauty bereitstellen konnte. Und niemeyer’s, immer mittemang , beteiligt sich auf seiner Bühne , auf seine Weise .

Weniger  schön  als  weise ,

einer  gelungenen  Party

Franz Heckendorf, Haus im Park (1921) / Gesichtsloses Paar

beizeiten

den  Rücken  zu  kehren

da , so Rilke ,

» das  Schöne …

nichts  als  des  Schrecklichen  Anfang  (ist) «

Was Wolfgang Klein im Dresdner Ausstellungskatalog nach der Wahrheit dieses statements fragen läßt ,

» weil  man  gar  nicht  so  recht  versteht , was  Rilke  meint «

(Seite 124).

niemeyer’s  wird  zum  Ausstellungsausklang  per  Januar-AHA-Erlebnis  hierzu  seine  Antwort vorschlagen. Für dieses Mal bleibt’s noch beim , in der Tat , nur (!) sehr Schönen . Doch , blättern  Sie  weiter !

» Ein  Bild  muß  klingen

und  von  einem  inneren  Glühen  durchtränkt  sein «

Wassilij Kandinskij

AUS  DEN  JAHREN  DER  FRÜHEN  TRIUMPHE

1921er  Symphonie  in  Grün + Blau

aus  der  Gruppe  der  „Häuser  im  Park“

Franz Heckendorf (Berlin 1888 – München 1962). Haus im Park mit Paar. In warmer Sonne malerisch hinter Baum- und Strauchkulisse bei verzweigten Wegen zweistöckige Villa mit Mansarde im Satteldach, zu deren Eingang nebst vorgesetztem Wintergarten linksseits eine Treppe hinaufführt. Zulaufend auf den Betrachter ein Paar. Öl auf Leinwand. 1921. Rechts unten bezeichnet:

Franz Heckendorf, F. Heckendorf (19)21.
F. Heckendorf (19)21.

60 x 70,5 cm. In 3teiligem handwerklichen Holzrahmen in Grau- + Schwarz-Anstrich in Wiederholung eines solchen wohl des Künstlers selbst, belegt hier für einen weiteren Heckendorf.

Literatur

Thieme-Becker XVI (1923), 211 f.; Vollmer II (1955), 400; AKL LXX (2011), 513 f.

Kestner-Museum Hannover, Kataloge der Sonderausstellungen XVII, 1918; Joachim Kirchner, Franz Heckendorf, 1919, + Neue Bilder von Franz Heckendorf in Biermann (Hrsg.), Jahrbuch der jungen Kunst 1924, 190 ff.; Cicerone, Jge. 1912-1928, hier insbesondere XVI (1924), 802 f.; Feuer II, 1 (1920/21), 195-202; Franz Heckendorf, Katalog der Sonderausstellung der Galerie Hagemeier, Ffm., 1985; Symphonie in Farbe, Ausstellungskatalog der Kunstfreunde Bergstraße, 1991; Rainer Zimmermann, Expressiver Realismus / Malerei der verschollenen Generation, 1994, 384.

Gisela Hauss (Hrsg.), Migration, Flucht und Exil im Spiegel der Sozialen Arbeit, 2010, 192 f.; Winfried Meyer, NS-Justiz gegen Judenhelfer: „Vernichtung durch Arbeit“ statt Todesstrafe. Das Urteil des Sondergerichts Freiburg i. Br. gegen den Berliner Maler Franz Heckendorf und seine Vollstreckung. In: Wolfgang Benz (Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung XIX, 2010, 331-362.

Heckendorfleuchtendes  Hauptwerk

in dominierend sattem Grün vor ebensolch blauem Himmel

mit dem in Terra di Siena gehaltenen Dach des Hauses, dessen lichtockerfarbene Frontseite mit den mäandernden Wegen korrespondiert, aus der hier für die Jahre 1919-1928 belegbaren Haus-im-Park-Gruppe, benachbart etwa E. L. Kirchner’s zeitlich vorhergehenden Ölen Haus unter Bäumen / Fehmarn von 1912 (figurierte 1917 in Berlin auf der Ausstellung der Freien Sezession), Gut Staberhof / Fehmarn von 1913, Villen in Königstein/Ts., 1915/16, Villa Portius / Dresden (Aquarell über Bleistift, ca. 1906/07), Bergwald mit Hütten (Tuschfeder + Pinsel um 1918). Heranziehbar aber auch der Holzschnitt Wettertannen (1919) in seinem schweren Grün-Blau und den ockerfarbenen Wegen mit ihren kirchner- aber auch anderwärts expressionistisch-typisch kleinen Figürchen, wie denn auch das Paar hier bei Heckendorf, dessen hiesige intensive Farbtöne beispielsweise auch seine Heilige Familie auf der Flucht gleichen Jahres bestimmen.

Heckendorf’s  eigener  Villa-Park-Komplex

Franz Heckendorf, Haus im Park mit Paar (1921)

hier  belegbar

mit 1919 (Öl, 100 x 80 cm), deren den von vier Stufen unterbrochenen Weg zum Hause flankierenden Allee schlanker Bäume wir 1928 wiederbegegnen – 1921 (hiesiges Öl) – 1922 (Pastell, 66 x 47) – 1923 (wohl Öl; Abb. Jahrbuch der jungen Kunst 1924, Seite 191) –

Franz Heckendorf, Villa im Park. 1923
Franz Heckendorf, Villa im Park. 1923. (Abb. Jahrbuch der jungen Kunst 1924)

1925 (Aquarell + Tempera, 29,5 x 28,5; wiederum mit dicht belaubten Bäumen als Vordergrund und der Fassade in lichtem Ocker) – dem undatierten Fachwerkhaus im Park (Öl, 37,5 x 49) – den undatierten Drei Frauen im Garten vor Villa (Öl, 35 x 45). Ergänzbar schließlich um das hauslose Aquarell Bäume von 1928 (41 x 31) mit dem ockerfarbenen Parkweg, den schon besagte Allee schlanker Bäume säumt und dessen Licht-Schatten-Spiel das des anstehenden 1921er Öls zitiert, in seiner Formalität gleichwohl als impressionistischer Nachklang an Manet’sche Darstellungen erinnert, etwa an dessen 1882er Landschaft in Rueil auf der 1997er Münchner Ausstellung Manet bis van Gogh — Hugo von Tschudi und der Kampf um die Moderne (Nr. 21 + SS. 84 f. des Katalogs). – Unbeschadet aller Eigenständigkeit erscheint es denkbar, daß Heckendorf jeweils dasselbe Objekt variierte.

» Ein  Bild  ist  nicht  nur  ein  König ,

es  ist  noch  vielmehr  ein  Freund «

Lothar Brieger

Das Kunstsammeln , 1918

Solchermaßen hiesige Arbeit die vermutlich zweitfrüheste und wohl zusammen mit der 1923er

die  schönste + vollkommenste

dieser  so  intim-stillen  Werkgruppe ,

vorbildlich über Heckendorf hinaus generell für die Landschaft in der Malerei des Expressionismus.

Jawlensky’s  programmatisches

„ die  Natur  entsprechend  meiner  glühenden  Seele

in  Farben  zu  übersetzen “

steht  unausgesprochen  auch  über  anstehendem  Heckendorf .

Deren gegebenenfalls eingesetzte Figurationen, wie auch hier, mittels konturenloser (Nicht)Gesichter als vielfach sehr typisch für ihn bewußtsichtbar nachgeordnet werden. Denn

„ ‚alles optisch Wahrnehmbare zu vergeistigen und in die Sphäre des visionär Geschauten zu übersetzen‘; das bedeutete die

Erfüllung  des  Programms  des  modernen  Expressionismus ,

zu dessen überzeugendsten Verkündern H. zählt … “

(Vollmer 1923). Peter Bürger wird Generationen später

bezüglich  Kirchner’scher  Straßengestalten

von  „maskenhaft  vereinfachten  Gesichtszügen“

Franz Heckendorf, Gesichtsloses Paar in Haus im Park (1921)

als  Ausdruck  „allgemeiner  Beziehungslosigkeit“

sprechen („Flaneure überdehnen die Stadt … Kirchner und der Manierismus“, FAZ 23. Juli 2001). Aber auch schon Hogarth bediente sich beispielsweise in „Times I“ (1762) in persona Lord Temple’s dieses Stilmittels letztlich biblischen Herkommens, nämlich sich kein Bildnis zu machen, wie denn auch die Kinder strenggläubiger Mennoniten mit gesichtslosen Puppen spielen.

„ Schüler der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums und der Akad., im wesentlichen aber Autodidakt (gleich den Altersgenossen Heckel + E. L. Kirchner und wie diese ausgehend vom Impressionismus). Einer der begabtesten Vertreter der jungen deutschen Künstlergeneration, dessen persönliche Note in seinen

von  ungeheurer  Dynamik  des  malerischen  Vortrages

erfüllten und starker Innerlichkeit der Empfindung getragenen Landschaften bisher ihren reifsten Ausdruck gefunden hat. Als 20jähriger bereits stellte er (1909) in der Berl. Sezession 2 Straßenbilder aus, die noch unter dem Eindruck der impressionist. Malweise standen … In allen Techniken gerecht und ein ungemein leicht produzierendes Talent … pflegt H(eckendorf) neben der Ölmalerei das Pastell, Aquarell und die Lithographie … “

(Vollmer ebda. fortfahrend).

» Wenn  sie

(die  holländischen  Kaufleute  des  17.  Jahrhunderts)

mehr  Malereien  besitzen

als  reiche  Kleinodien ,

oder  wenn  sie  sie  höher  schätzen

als  Edelsteine  und  Kostbarkeiten ,

so  kommt  das  allein  daher,

dass  die  schönen  Bilder  den  Blick  mehr  erfreuen

und  mehr  dekorieren «

Hanns Floerke ,

Studien zur niederländischen Kunst- und Kulturgeschichte ,

1905/1972 , Seite 164 ,

im Zitat Sorbière’s

aus dessen Lettres et Discours , Lettre IV à Monsieur de Bautru ,

nach dem Manuskript in der Bibliothèque Nationale , Paris

Und in wiederum gegenwärtiger Zeit spricht Horst Ludwig im Katalog Hagemeier an Hand einer 1958er Südliche(n) Landschaft mit Segelbooten von der „Tendenz der überhöhten Natur“ :

„ Hier wird auch (unverändert) der Anspruch erkennbar, der schon 1906 im Programm der ‚Brücke Künstler‘ ausgesprochen wurde, unverfälscht und unvermittelt das wiederzugeben, was den Künstler zu schaffen drängt, nämlich die eigene Vision, die sich zuvor mit der Landschaft selbst verbindet, ohne ihr freilich imitativ zu folgen.

Mit (abermals unverändert) temperamentvollen Pinselstrichen, die als solche erkennbar bleiben und gestalterisch eingesetzt sind, mit pastosem Farbauftrag, so daß sich eine bewegte Oberflächenstruktur einstellt, ist das südliche Gemälde visualisiert … Die Farben selbst sind auch hart gegeneinandergesetzt, fast reintonig sind sie mit einem relativ dicken Pinsel aufgetragen und bleiben mit der Pinselspur verbunden, so daß sich die Komposition deutlich aus diesen Strichlagen zusammensetzt. “

Und, Joachim Kirchner (1919) über die Linie zitierend,

„ ‚Die Linie als Nerv der Komposition, als ureigenste Niederschrift eines von einer starken Innerlichkeit getragenen Willens darf wohl als das Eigenartigste des Heckendorfschen Expressionismus gelten. So gewaltsam und hart oft die Sprache seiner Linienführung zu sein scheint, so ist sie doch stets voller Seele, ihr heftiger Impuls läßt die innere Anspannung, die verhaltene Erregung erkennen, mit der der Künstler an der geistigen Durchdringung des Objektes arbeitet. Als Träger des gesamten Bildrhythmus fällt ihr schließlich eine wichtige Funktion in der Struktur des Bildganzen zu.‘

Überblickt man Heckendorfs Schaffen aus mehreren Jahrzehnten, so fällt die Heftigkeit auf, mit welcher er von der Kunst der Jahrhundertwende ausgehend, seine eigene Bildsprache schuf und … beibehielt … Für Heckendorf blieb der Gegenstand stets vorrangig, allerdings formal überhöht und koloristisch verfremdet. “

Franz Heckendorf, Haus im Park, Rückseite
Die Rückseite

In dunkler Zeit verfemt wie seinesgleichen, wurde Heckendorf gleich zu Anfang mit Ausstellungsverbot belegt, gefolgt 1937 von Entfernung/Verkauf/Verbrennung der in der Nationalgalerie und in Berliner Staatsbesitz befindlichen Arbeiten, 1940 dem Ausschluß aus der Reichskammer der Bildenden Künste und 1943 schließlich von noch ganz anderer, zutiefst persönlicher Härte, gewachsen letztlich aus dem Sternzeichen des Skorpions Heckendorf:

„ Ein weiteres rettendes Netzwerk der Fluchthilfe entstand um den Kunstmaler und Galeristen Franz Heckendorf … in Berlin. Er hatte viele jüdische Bekannte, denen er immer wieder nahe legte, Deutschland zu verlassen … Es wurden falsche Kennkarten hergestellt und Fluchtwege (in die Schweiz) ausgearbeitet … (und) als Spaziergänger getarnt (erprobt) … Die ersten Flüchtlinge waren Kurt und Hilda Schüler aus Berlin. Schätzungsweise folgten weitere 20 bis 80 Personen … Im Februar 1943 flog dieses Fluchthilfenetz auf, nachdem Heckendorf … (vermutlich) eine Falle gestellt (worden war). Vom Sondergericht Freiburg (Brsg.) wurden vier der Fluchthelfer zu hohen Zuchthaus- und Geldstrafen verurteilt … “

(Hauss, a. a. O.).

Heckendorf erhielt mit 10 Jahren die Höchststrafe, mit denen ein offensichtlich wohlwollendes Gericht, die eigentlich Verantwortlichen in ausländischen jüdischen Drahtziehern sehend, die vom Staatsanwalt geforderte Todesstrafe durchkreuzte. Wie denn auch im Verlauf der Kerkerstationen gute Menschen, nicht selbsternannte „Gutmenschen“, beistanden, drohten die körperlichen Kräfte zuschanden zu gehen. Ganz zum Schluß schließlich noch KZ Mauthausen.

Den Weg zurück ebneten Professur an der Wiener Akademie und Lehrtätigkeit in Salzburg. Ab 1950 dann Münchener Seßhaftigkeit. Und hinterlassend ein Œuvre, in dem, wenn auch noch nicht wieder ex cathedra, dem Kenner unverändert winkt, was 90 Jahre früher Gewißheit war:

„ Die führende Rolle, die (Heckendorf) schon beim Beginn seiner Laufbahn unter den gleichalterigen Kollegen einnahm, ist ihm verblieben, und es bedeutet wohl eine allgemeine Anerkennung seines Könnens, wenn er in diesem Jahre

zusammen  mit  den  bedeutendsten  Namen  der  deutschen  Malerwelt

auf der internationalen Kunstausstellung in Rom mit mehreren Arbeiten vertreten sein durfte “

(Joachim Kirchner in Jahrbuch der jungen Kunst 1924, Seite 190).

Hier denn

AUS  DEN  JAHREN  JENER  FRÜHEN  TRIUMPHE

seine

1921er  Symphonie  in  Grün + Blau

Franz Heckendorf, Haus im Park (1921) mit Rahmung

aus  der  Gruppe  der  „Häuser im Park“ .

Angebots-Nr. 28.823 / Preis auf Anfrage


“ I would like to thank you most sincerely for your expert analysis of the portfolio and for the considerable amount of time you gave to this effort. I will take your advice and we shall see what happens … Again, my sincere thanks ”

(Mr. P. S., March 22, 2012)