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Des  fortgeschrittenen  Ridinger-Sammlers  3. Teil

Im  ersten  hat uns der Meister über das Wachstum einer seiner exemplarischen Radierungen unterrichtet. Hat uns gezeigt, wie solche noch längst nicht vermarktungsreif ist, nur weil das complette Bildganze schon auf dem Papier erscheint … Im  zweiten  ging’s um ein Hand-Exemplar des Meister’s mit im endgültigen Zustand nicht mehr aufscheinenden , aus den Vorzeichnungen übernommenen Irrtümern , von denen er wenigstens die eine schon höchst professionell korrigierte und des weiteren mehr. Beide Male exquisit Unikates für … eben die kostbaren Stunden intimen Austauschs mit ihm.

In denen er uns denn auch heute, durchaus nur im Vertrauen, beichten mag, wie er sein per Vorwort zur Fürsten-Jagdlust jugendlich voreilig gegebenes Versprechen, in dieser „alle  Arten  und  Manieren  des  Jagens  zu  weisen“  durchaus nicht eingehalten habe. Gewiß, das eine oder andere habe er ja bekanntlich heilend nachgeliefert , aber , aber , mitnichten das für den Waidmann so existentiell wichtige , ja , hochinteressante Thema der Jagd mittels der Locke !

Und dann , nunmehr flüsternd , über  250  Jahre  habe es immer nur der eine und andere Sammler + Händler – nunmehr eben jene Adresse in Padingbüttel , Sie wissen schon – gewußt und beispielhaft in Händen gehalten, wie’s mich diesbezüglich zeichnerisch in meinen späten Jahren, zu Ende der 1750er, noch umgetrieben hat. Wie ich , erinnere ich mich recht ,

in  einzigem  Falle

Johann Elias Ridinger, Das Reheblatten. Bister-Feder-Zeichnung

gar  die  ausführliche  Anleitung

dazugeschrieben habe, ja , ja , ganz so , wie auf zig der gestochenen/radierten Blätter, die solchermaßen ganzen Generationen wackerer Grünröcke ohne jedes Wälzen in Döbels & Co. als Lehrtexte dienten, hochwillkommen in ihrer einst 20. Jahrhundert-Modernität von Bild + Text auf einen Blick hin.

Und  hab’s  auch  noch

Johann Elias Ridinger, Das Reheblatten. Bister-Feder-Zeichnung

signiert  +  datiert !

Auf daß von Zeit zu Zeit ein würdiger Glücklicher es nachzuvollziehen vermöge, wie ich’s mir für ihn hab’ einfallen lassen,

das  Werdegeschehen  des  Reheblattens  miterleben  zu  können

Johann Elias Ridinger, Das Reheblatten. Bister-Feder-Zeichnung

welches  innerhalb  einer  Folge  für  Hinz + Kunz  zu  veröffentlichen

meine  vielfältigen  Verpflichtungen  bekanntlich  verhinderten .

Erfreuen Sie sich also dieses Dreiklangs

originäre  Zeichnung  –  autographer  Text  –  Signatur

und übersehen Sie auch nicht , daß spätestens zu Ihrer Zeit , für sich allein schon

ein  so  ausführlicher , in  medias  res  gehender , eigenhändiger  Text

jenseits  jeglicher  „Nur“-Betitelung

ein  autographes  Ereignis  sui  generis  ist .

Und  solchermaßen  begleitete  Zeichnungen  von  höchster  Seltenheit  sind !

Lesen  Sie  weiter  für’s  Korsett ,

für  den  Detailkram  haben  auch  wir  Künstler  schließlich  unsere  Philologen …

Fehlend  im  graphischen  Œuvre !

Die  Jagd  mit  dem  Lockruf

Ridinger, Johann Elias (Ulm 1698 – Augsburg 1767). Das Rehe blatten! oder Wie die Rehe aufs blatt geschossen Werden. Zur Rechten am Beginn einer abschüssigen Bahn macht der Bock den Todessprung

– „ … sind  doch  die  Momente  einer  Flucht , eines  Ausreissens  nach  dem  Schusse  u.  dergl.

meisterhaft  dargestellt “

(Franz von Kobell als ein „ächter Waidmann“ [ADB], 1865) – ,

blickt die hinter ihm stehende Ricke erstaunt auf. Links im Gebüsch unter einem Baum der Jäger nebst blattendem Gehilfen,  bei  skizzierter  Schußlinie  ( sic! ) das Gewehr noch im Anschlag haltend. Waldstaffage, vorn rechts unterhalb der Rehe Wasserstelle mit hineingesunkenem toten Baumstamm. Lavierte Bister-Feder-Zeichnung. Auf dem rückseits montierten Untertext in brauner Feder bezeichnet: Johan(n) Elias Ridinger inv. et del: 1758 —., ansonsten wie vor und unten. 214 x 361 mm.

Großformatige  nicht  im  Stich  ausgeführte  Zeichnung ,

thematisch  die  Fürstenjagdlust  ergänzend ,

wenngleich in den reinen Bildmaßen in der Höhe um etwa 5, in der Breite rund 4 cm hinter deren Querformaten zurückbleibend, doch wie jene mit hier 6zeiliger jagdtechnischer Erläuterung zur Jagd mittels Rehblatt:

„ Man nimt von Bircken rinden die äussere Schale machet darauf einen zweÿ stimigen ruff wie die Rücke wan Sie vor Ihre Junge / besorget ist, nur das der ruff recht ferne und rein seÿe, da man(n) sich nun an einem solchen orthe anstellet wo sich Rehe böcke aufhalten / so werden Sie sich bald einfinden, besonders wan(n) der Bock keine Rücke beÿ sich hatt, es mus aber der Jaeger sehr fertig zum Schuss / seÿn weil Sie sich schnell wenden und wan(n) Sie das geringste mercken oder wind bekom(m)en durchgehen es ist also nöthig das man(n) den / anstand unter dem wind nehme apffel buchen und birn blaetter können auch zu dem ruff genom(m)en werden doch ist die bürcken / Schale die beste. “

Unbeschadet der thematischen wie textlichen Nähe zur Fürstenlust erst rund 30 Jahre nach dieser geschaffen, befand sich die Zeichnung offensichtlich nicht im mit ca. 1849 Blättern außerordentlich umfangreichen zeichnerischen Nachlaß, den 1830 J. A. G. Weigel in Leipzig übernahm und erweiterte. Vgl. hierzu sowohl Thienemann SS. 271 ff. als auch Weigels Nachlaßkatalog, Catalog einer Sammlung von Original-Handzeichnungen, SS. 181-231 (1869). Nicht nachweisbar aber auch in anderen renommierten Zeichnungsbeständen.

Anstehende voll durchgeführte Arbeit scheint somit noch von Ridinger selbst oder doch bald nach ihm abgegeben worden zu sein. Dies nicht zuletzt – siehe unten – gestützt von einer bemerkenswerten Aufmachung. Derentwegen auch die Signatur samt Text rückseits montiert worden sein könnte. Denn da ein hier mit hereingekommenes gleichartiges Hirschruf-Pendant ohne jede Schrift vorliegt, dergleichen Ridinger denn auch völlig variierend zu handhaben pflegte, empfahlen sich Beschnitt + Montage des Reheblattens zwecks optischer Angleichung.

Denkbar im übrigen ihre Bestimmung zu einer nicht weiterverfolgten Serie der Jagd mittels Locke analog zu den Fangarten von 1750. So illustriert besagte Hirsch-Zeichnung die Anlockung des Brunfthirsches mittels des hohlen Hafens. Eine Thematik, wie sie schon von einer in bayerischer Privatsammlung befindlichen hochformatigen Zeichnung her bekannt ist, aber gleichfalls keinen Niederschlag im grafischen Œuvre gefunden hat.

Solche Suiten unterschiedlichen Umfanges im zeichnerischen Œuvre Ridingers durchaus nicht unbekannt und meist durch gleiche Datierungen, teils gar fortlaufende Numerierung, generell aber durch jeweils ähnliches Format und gleiche äußere Gestaltung belegbar.

Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die auch in Kupfer umgesetzte Kleinfolge Th. 269-271 + 282 innerhalb der Wundersamsten Hirsche. Ihrer Größe und Figurenanordnung, auch mehrfacher paspelierender Einfassung und Rundung des Oberrandes nach, bilden sie eine von dem dortigen Bildschema abweichende Gruppe für sich, wie bereits von Thienemann moniert und in den Neuausgaben seit Engelbrecht auch entsprechend vollzogen.

Hinsichtlich schließlich der von Ridinger in seinem Vorwort zur Fürsten-Jagdlust erklärten Intention, „ alle  Arten und Manieren des Jagens zu weisen … auch die Spur oder Fährt, von einem jeglichen Wild … mithin diesem Wercke eine rechte Vollkommenheit zu geben trachten“ ist jene jagdtechnisch so hochimportante 36blättrige Folge diesbezüglich letztlich ein Torso geblieben. Denn erst im Verlauf von Jahrzehnten löste er per teils gänzlich anders gestalteten Folgen sein Versprechen ein: Gründliche Beschreibung der wilden Thiere (mit den kleinen Spuren, 1733), Abbildung der Jagtbaren Thiere (mit den großen Spuren, 1740), Jäger und Falconiers sowie den Fangarten (1750). Letztere bereits – und erst recht Parforcejagd und Die von Hunden behæzten Thiere – in diesem Zusammenhang nur noch bedingt zu nennen, da deren Thematik, wenngleich nicht erschöpfend, bereits in der Fürstenlust dargestellt wird.

Gänzlich übergangen hingegen blieb

die  so  überaus  reizvolle  Jagd  mittels  Locke ,

die  nun  mit  anstehendem  Rehblatten  +  besagten  Hirschrufen

per  zeichnerischem  Werk

und  für  einen  offensichtlich  größer  gedachten  Rahmen  belegt  ist .

An der feinen Bister-Einfassungslinie geschnitten und alt, möglicherweise durchaus schon zeitgenössisch, auf Linienpapier mit grün getuschter, nach innen und außen von feinen Linien in Bister gefaßter Paspelierung montiert. Die Zeichnung zusätzlich von schmalem Goldpapierstreifen gefaßt. Das Ganze wiederum alt auf mehrfach gegenkaschiertes Linienpapier montiert, dessen Rand schwarz getuscht ist. Die rückseits montierte Signatur – ganz oben links am Papierrand, ursprünglich also links direkt unterhalb der Einfassungslinie – nebst Untertext bei nur einfacher Montage unter Hinzufügung einer weiteren Schwarz- und Fortlassung der Goldfassung gleichartig paspeliert. Im Paspelierungsbereich drei von Rückseits kommende Wurmgänge, sowie eine zarte, wenig bemerkbare Spur nur vorn in Bildmitte. Eine montagebedingte gleichmäßige Bräunung beeinträchtigt weniger die Bildwirkung als daß sie ihr vielmehr eine sehr schöne authentische Patina verleiht. Kurz,

eine  zu  herausragender  Präsentation  aufbereitete ,

Ridinger’s  Wertschätzung  dokumentierende  Zeichnung ,

die  zudem  nicht  als  Radierung  allgegenwärtig  wurde .

Und  dazu  ein  für  Ridinger

jagdtechnisches  Fast-Unikat  von  zugleich  optischem  Glanz .

Angebots-Nr. 29.057 / Preis auf Anfrage


„ Danke für den wunderbaren (Ridinger-)Scan … der meine Argumentation zur Verwechslung in der Staffierung der Porzellane dokumentarisch bestens belegt. Darf ich um Ihre Zustimmung bitten, ihn in meiner Arbeit zeigen zu dürfen? “

(Herr J. R., 7. Juni 2004)