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Aha  –  Des  fortgeschrittenen  Ridinger-Sammlers  2. Teil

Im ersten hat uns der Meister über das Wachstum einer, natürlich eigenen und exemplarischen dazu, Radierung unterrichtet. Hat uns gezeigt, wie solche noch längst nicht vemarktungsreif ist, nur weil das complette Bildganze schon auf dem Papier erscheint. Und ohne uns im Blick zu haben, nahm er, ganz für sich selbst, den Rötelstift und markierte hier und rötelte dort all jene Passagen, die nach Fortführung der Arbeit auf der Platte gierten. Und noch uns 250 Jahre Späteren, die wir das rare Glück hatten, ein solches Beispiel einstigen Tuns auf schöpferischem Wege zum fertigen Kunstwerk kennenzulernen, ja gar für die Sammlung erstehen zu dürfen, gewährte er solchermaßen den postumen unmittelbaren heißbegehrten Blick über die Schulter auf den Ateliertisch.

Letzterer steht denn auch heute im Fadenkreuz unserer Wißbegier. Es ist um 1740 herum. Vor sich liegen hat Ridinger ein Exemplar

– und  zwar  wiederum  als  nun  hier + heute  vorliegend ! –

Johann Elias Ridingers Hand-Exemplar seiner Abbildungen der Jagtbaren Thiere

seiner  23blättrigen  Folge  der

Jagtbaren Thiere

mit deren originalgroßen Fährten + Spuren (Th. 162-185, ca. 37-37,5 x 29-30 cm). Fix und fertig, so scheint’s. Aber natürlich weiß der Meister es besser. Daß ein Werk fertig sein muß, um Versäumtes zu entdecken. Da ist zunächst die unterlassene Numerierung, die ein wunschgemäßes Aufbinden erschwert. Er wird sie den Platten noch hinzufügen müssen und die schon vorliegenden Abzüge nachträglich eigenhändig  in  Bister  numerieren . Und über die Schulter blickend, verfolgen wir diese seine Fleiß- und Routinearbeit. Für sich genommen nichts Weltbewegendes. Aber dem Sammler wird das Widerstehen schwer, sieht er sich der Möglichkeit gegenüber, ein solch normabweichendes Exemplar in  completter  autographer  Künstlernumerierung  ergattern zu können.

Doch des Meister’s Augen sehen noch Anderes. Und nun wird’s spannend. Ja, ja, auch für ihn selbst. Auch wenn er zunächst nur das eine bemerkt. Nämlich daß er beim 13. Blatt, der Spuhr des Hasen, Th. 175, der wenig eindeutigen Betextung seiner Vorzeichnung – DJM 5180 – gefolgt war, auf der die Zeichen

„x“  +  „#“  für  weichen  bzw.  harten  Boden  stehen

Spuhr eines Hasen (Vorzeichnung)

von ihm aber fehlerhaft den beiden fraglichen Spuren zugeordnet wurden.

Mit dem Ergebnis

„Hinder“Lauff auf hartem Boden statt richtig „Vorder“Lauff …

und bei der sich anschließenden Spur „Vorder“Lauff statt „Hinder“Lauff.

Dieses Versehen so auch von Helbing beschrieben (Kat. XXXIV [1900], Arbeiten von J. E. und M. E. Ridinger, 356).

Aber  nur  im  hiesigen  Exemplar

Spuhr eines Hasen (Probedruck mit radierten Berichtigungsdeckblättern)

wurde  dieses  Versehen  durch  gestochene  Berichtigungsdeckblättchen

auf  dünnem  Papier  geheilt .

Und das kann sowohl hinsichtlich der Schrift als auch ganz besonders der in gleicher Weise fortgeführten Untergrundschraffur

eben  nur  vom  Meister  selbst  vorgenommen  sein !

Denn  wie  Vergleich  und  Messungen  zeigen ,

Spuhr eines Hasen (endgültiger, korrigierter Zustand)

handelt es sich bei diesen Deckblättchen zudem eindeutig

um  eigenständige  Textstiche ,

die weder mit der späteren Berichtigung in der Platte, noch mit einer Bezeichnung auf einem anderen Blatt der Folge in Deckung zu bringen sind und somit auch nicht etwa von anderer Hand zu späterem Zeitpunkt aus solchen herausgeschnitten sein können. Siehe die auf der mittleren der drei Wiedergaben bei „Vorder“ bzw. „Hinder“ zart erkennbaren Kanten der Deckblättchen, aber auch die gegenüber der berichtigten Plattenfassung der unteren Abbildung variierende Schreibweise von „V“ + „H“. Und erst in letzterer erscheint nunmehr auch das dreimalige * für den weichen Boden.

Das  zweite  hier  zu  dokumentierende  Versehen  indes

Spuhr vom Tachse (Vorzeichnung)

entging  auch  dem  Meister  selbst  noch ,

als wir ihm über die Schulter schauten und blieb in der Literatur unbeschrieben.

Und so heißen denn im anstehenden Exemplar die beiden Spuren des 17. Blattes, Spuhr vom Tachse, Th. 179, bis auf den heutigen Tag

Hinder „Fus“ + Vorder „Fus

Spuhr vom Tachse (Probedruck mit vertauschter Bezeichnung)

statt jeweils „Lauff

wie schlußendlich im endgültigen Zustand.

Spuhr vom Tachse (endgültiger, koorigierter Zustand)

Irgendwann hat Ridinger eben auch hier bemerkt, daß mit der Beschriftung auch dieser Vorzeichnung (DJM 5195) etwas nicht stimmte.

Helbing verzeichnet auch dieses Blatt im Probe- wie auch endgültigen Druck, erwähnt aber keine Schriftvariante. Gleiches gilt für je ein Exemplar ohne bzw. mit handschriftlicher Numerierung, die in unseren 70er bzw. 80er Jahren im Handel figurierten, davon ersteres mit der Qualifizierung „Vermutlich Probedrucke, da auch Thienemann keine Abzüge vor der Numerierung bekannt waren “.

Somit dürften also die Zustandsdrucke in sich nochmals differieren und

die  hiesigen  gehörten  solchermaßen  zu  den  allerfrühesten  Etats .

Mit Ausnahme der Übersichtsblätter 21-23 mit den verkleinerten Fährten und Spuren, die im drucknumerierten endgültigen Zustand vorliegen. Dabei Blatt 22 unter Fortfall einer Trennlinie von zwei Platten gedruckt, wie sowohl von Schwerdt’s als auch einem früheren hiesigen Exemplar für alle drei Tafeln bekannt und hiesigerseits für einen späteren Zwischenzustand angesehen.

Wie gesagt, ganz schön aufregend das Ganze , um nicht zu sagen , dieser Ridinger . Und für anstehendes Hand-Exemplar bediente er sich auch noch eines bemerkenswert feinen Papiers. Nein, nein, keineswegs zu allem Überfluß noch. Denn erst solches vermittelte ihm den letztgültigen Eindruck der Druckqualität, zeigte ihm, ob die Platte wiedergibt, wie’s ihm vorschwebte. Da strahlt des Kenners Auge schon ein wenig heller, hält er ein Auflagen-Exemplar dagegen. Alle

brillante  Druckqualität  leuchtenden  Hell-Dunkels

findet auf solch feinem Papier eben noch eine Steigerung.

Und wenn Sie nun vom Atelier des Meister’s zu Ihrem Ridinger-Händler wechseln, kann dieser Ihnen noch einen Nebenpfad verraten, der zusätzlich ins Allerheiligste verweist und das Ergebnis des dort Geschauten seinerseits verfestigt.

Es betrifft das Arrangement der Kupfer unseres Exemplars. Denn mit Ausnahme des singulären Eingangs-Löwen als der Nummer 1 der Folge, stehen die übrigen zu zweit einander gegenüber. Montiert auf ca. 63 x 42 cm messenden Whatman-Bögen mit Wasserzeichen „J. Whatman / Turkey Mill / 1832“, was übrigens

Johann Elias Ridinger, Titel (Th. 162)Johann Elias Ridinger, Spuhr des Löwen (Th. 163)Johann Elias Ridinger, Spuren von Tiger + Bär (Th. 164 + 165)Johann Elias Ridinger, Spuren von Hirsch + Tier (Th. 166 + 167)Johann Elias Ridinger, Spuren von Schwein + Damhirsch (Th. 168 + 169)Johann Elias Ridinger, Spuren von Wolf + Rehbock (Th. 170 + 171)Johann Elias Ridinger, Spuren von Luchs + Steinbock (Th. 172 + 173)Johann Elias Ridinger, Spuren von Gemse + Hase (Th. 174 + 175)Johann Elias Ridinger, Spuren von Fuchs + Biber (Th. 176 + 177)Johann Elias Ridinger, Spuren von Otter + Dachs (Th. 178 + 179)Johann Elias Ridinger, Spuren von Wildkatze + Baummarder & Wiesel (Th. 180 + 181)Johann Elias Ridinger, Spuren von Iltis & Eichhörnchen + Spurentafel (Th. 182 + 183)Johann Elias Ridinger, Spurentafeln (Th. 184 + 185)

eine  ungewohnt  komfortable  Optik

gewährt.

Letzteres ganz in der Tradition des großen Vasari (1511-1574, „erster systematischer Sammler von Künstler-Zeichnungen“), der seine Zeichnungen, harmonisch arrangiert, auf Album-Papier großen Maßstabs montierte (National Gallery Washington 2006 gelegentlich der Ausstellung „Meisterzeichnungen aus sechs Jahrhunderten“ zur Feier des 15. Jahrestages der Übergabe der Woodner Collection).

Anstehendenfalls denn auch ein Arrangement, das papier- wie aufarbeitungsmäßig mit einem Exemplar früher Druckqualität der Folge der Kämpfe reißender Thiere (Th. 716/23) korrespondiert, das hier einst durchgelaufen war und nun zum Groschenfall führte. Beide Male identisches 1832er Montage-Papier. War da nicht etwas Anfang jener 30er? Aber gewiß doch. 1830 hatte J. A. G. Weigel in Leipzig, literaturverbürgt, den unermeßlich reichen zeichnerischen Ridinger-Nachlaß übernommen. Und zu unterstellender Maßen mit diesem zusammen auch druckgraphische(s) Restbestände + Beleg-Material. Und offenbar in Aufarbeitung der letzteren zwecks verkaufsfördernder besserer Präsentation Beschnittenes – gleich obigen Kämpfe-Blättern sind auch die anstehenden der Jagtbaren Thiere durchweg auf oder knapp an Plattenkante geschnitten – auf Whatman montiert, ohne indes auch noch aufbinden zu lassen.

Spektakuläre Fakten wie Schlußfolgerungen führten denn zwangsläufig zur hiesigen Überzeugung,

Ridinger’s  Hand-Exemplar  der  Jagtbaren  Thiere

in Händen zu halten. Welch eine Genesis , welch ein Treffer !

Wie maßlos , mehr zu verlangen ! Doch maßlos ist der Sammler Lust . Und so etablierte sich der Brauch , „ Werke aus ästhetischen Gründen

mit  Beigaben … eigenen  Liebhaberwert(es)  zu  vermehren  und  zu  illustrieren “

(Löffler-Kirchner, Lexikon des Gesamten Buchwesens, I, 511/I). Es war die Geburtsstunde des

Johann Elias Ridingers Hand-Exemplar seiner Abbildungen der Jagtbaren Thiere

exemplaire  enrichi .

Dem ihre tiefe Reverenz zu erweisen die ridinger handlung aus innerstem Impetus heraus sich anstehendenfalls gar nicht zu verweigern vermochte. Und so nahm sie , was sie hatte . Und das war nicht mehr oder weniger , es war schlichtweg alles , ein  non  plus  ultra :

die ihrerseits hier direkt und damit weit über Thieme-Becker (Bd.XXVIII [1933], S. 308) + Thienemann (1856), S. XXIII hinaus bis in den Ridinger-Nachlaß selbst recherchierte spiegelbildliche

originale  Druck-Platte

zu  Blatt  EINS, Th. 163 ,

» Spuhr  des  LÖWEN «

Mit dem Ergebnis eines  weltweit  unikaten  Sammlerstückes  von Graden , komponiert aus

obigem  Hand-Exemplar

Johann Elias Ridinger, Johann Elias Ridingers Hand-Exemplar der Abbildung der Jagtbaren Thiere

in  rubinrotem  Maroquin

mit 5 Zierbünden, 2 dunkelgrünen goldgepr. Rückenschildern, goldgepr. 2teilig. Titel auf Vorder- + Ridinger-Hirschvignette auf Rückdeckel, Goldfilete auf beiden sowie rubinroten Innenspiegeln + Vorsätzen

+

wüstenfarbener Maroquin-Kassette mit Zierbünden mit der unter Polykarbonatglas (alterungs- + UV-beständiger als Plexiglas, aber ebenso kratzempfindlich) in den Vorderdeckel eingelassener, herausnehmbarer Druck-Platte als Außen-Solitär, bezeichnet 

» 1. / J. E. Ridinger inv. del. sc. et exc. A. V. «

Darüber der Name des Meister’s, darunter der Unikat-Titel

Johann Elias Ridinger, Löwen-Exemplar

–  LÖWEN-EXEMPLAR  –

und im Innern des Vorderdeckels unten ridinger handlung niemeyer, alles in 23,5karät. Goldprägung. (Buchbinderei M. Hierl Bonn, 67 x 45 x 5 cm, 10,5 kg.)

Daß  der  Meister  die  Druck-Platte  eigenhändig  allein  gearbeitet  hat ,

sei eigens erwähnt, wie denn auch per obiger Signatur dokumentiert. Im übrigen mittels feinen Lackauftrags vor Anlaufen geschützt, ist die Platte im Rahmen ihres altersmäßigen Gebrauchs generell noch druckfähig, gleichwohl wird für ihre schlußendliche Druckqualität keine Gewähr geleistet.

Inhaltlich  zeigen die Kupfer 1-20 in ihren oberen nahezu Dreivierteln die Tiere in typischer Stellung inmitten ihrer großartigen Umwelt, darunter die

Spuren  in  Originalgröße ,

nämlich für Bär – HirschTier – Schwein – Dam-Hirsch – Wolf – Rehbock – Luchs – SteinbockGemseHase – Fuchs – BiberOtter – Dachs – KuderMarder + Wiesel (diente Franz Marc als Mitvorlage für sein 1911er Öl „Spielende Wiesel“, Hoberg-Jansen 144 nebst Abb.) – Iltis + Eichhörnchen , während die von Löwe und Tiger (recte „vielleicht ein Jaguar“, Thienemann) als „in unseren Wäldern nicht zu finden“ verjüngt sind.

In Helbings Katalog (XXXIV, 1408) übrigens auch ein allseits wieder in Vergessenheit geratener Hinweis auf ein Zustands-, richtiger wohl Makulatur-Exemplar der Paradies-Folge, deren Rückseiten – wohl mit Ausnahme von drei Blatt – mit Text zu hiesiger Suite bedruckt waren, davon eine bezeichnet mit „Joh. Elias Ridinger, Augsburg A. C. 1738“. Die nur mit 1740er Titel bekannte Folge wäre demnach nicht nur als Lieferungswerk belegt, wie bei Ridinger überdies die Regel gewesen, sondern vor allem als ein von ausführlicherem Text begleitetes. Wenngleich es diesbezüglich offenbar nie zu mehr als solchen, darum auch nur einseits bedruckten Druckproben gekommen ist, die dann für anderweitige Andrucke verwendet wurden, so überraschen im Ridinger’schen Œuvre eben immer wieder aufs neue Sammler wie Forscher faszinierende Unikate, wie denn auch hier vorliegend und es schon Gegenstand des fortgeschrittenen  Ridinger-Sammlers  1. Teil war

Ohne das Textblatt, das „sich einzig mit den Fährten beschäftigt und allenfalls dem jungen Jäger noch neu und wichtig sein kann“ (Thienemann), der „Vorbericht“, auf der Titelrückseite infolge Montage abgedeckt. – Wohl für eine bessere Präsentation bei Verwahrung in einer Mappe wurde der Whatman-Bogen für Titel und Kupfer 1 getrennt. Der Titel selbst komplett, wenn auch hart beschnitten und mit leichter Kratzspur (3,5 cm) in der Vignettenmitte sowie montageerledigtem Seiteneinriß von 4,5 cm und gleichmäßig, wie auch Blatt 23, schwach gebräunt. Der durch die Montage zugedeckte Rückseitentext in der Schlußzeile angeschnitten. Die prächtig breitrandigen Whatman-Bögen mit überwiegend nur kleinen Randausbesserungen, nur der letzte mit den Kupfern 22 + 23 stärker rissig. Sonst praktisch bestens und tadellos frisch.

Blatt 7 – Damhirsch – mit den Untertitel berührendem Druckfarbenfleck, Blatt 10 mit kleinem schwarzen Fleck unterhalb der Brust des Luchses. Im übrigen kaum Randstockfleckchen, aber mit noch leichtem Plattenschmutz beim Löwen. Mithin also generell die pure Folge für sich schon einmal  ungetrübt  kostbar .

Angebots-Nr. 28.888 / Preis auf Anfrage


„ Sehr geehrter Herr Niemeyer, Grüß Gott,

Ihre Graphiksendung ist wohlbehalten angekommen. Ich habe mich sehr gefreut über die Schönheit der Blätter und ihren ausgezeichneten Erhaltungszustand. Vielen herzlichen Dank. Mit diesen Blättern kann ich in den entsprechenden Folgen einige schmerzliche Lücken schließen … Nachdem ich Kassensturz gemacht habe, der günstig ausgefallen ist, folgt hier eine weitere Bestellung … Ich hoffe, dass die Blätter nicht inzwischen verkauft wurden …

Mit freundlichen Grüßen nach Padingbüttel “

(Herr W. G., 3. August 2009)