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330  Jahre  Nachruhm

als  „beste(r)  Mondscheinmaler  der  holländischen  Schule“

Aert  van  der  Neer

1677  –  2007

Seine Rezension der Genueser Ausstellung Das Zeitalter von Rubens schloß Dirk Schümer in der FAZ vom 6. April 2004 mit der merkenswerten Feststellung

„ … Da tut es gut, die ökonomische Globalisierung um 1600 zu studieren, als die Reichen noch wußten ,

daß  man  Kapital  nur  genießen  kann ,

wenn  man  es  in  Kunst  verwandelt .“

Und damit zugleich die gute Chance erlangt, dem eigenen Namen ein Stück Unvergänglichkeit zu sichern. Sei es im Rahmen einer für sich selbst zu einem Kunstwerk gewachsenen Sammlung , als Stifter oder einfach als fortlebend in den stets höchster Aufmerksamkeit gewissen Provenienz-Auflistungen. Natürlich war es der aus Indien importierte Wohlstand namentlich der Kaufleute, der hinter der Blüte der Kunst in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts stand. Doch allein die Kunst ist das Synonym schlechthin, ist vom Goldenen Jahrhundert jener Epoche die Rede.

Zwei Säulen trugen diesen in seiner Dichte und Tiefe ganz einzigartigen und unwiederholt gebliebenen künstlerischen goldenen Jahrhundert-Kosmos. Die bildüppige flämische Kunst in den spanischen Niederlanden im Süden mit Rubens als Fixstern und die der nördlichen Sieben Provinzen in ihrem verhaltenen Charme als Botschafter nicht zuletzt der Poesie des platten Landes und mit Rembrandt als dortigem Nabel.

Gedachten wir im August des 350ten Todestages Frans Snyders‘ als des „bedeutendste(n) Stilleben- und Tiermaler(s) der flämischen Kunst, vielleicht sogar seiner Epoche“ (Katalog Berlin/Dahlem, 1975, Seite 405), so heute des 330ten des nördlichen Großmeisters Aert van der Neer als des

„ beste(n)  Mondscheinmaler(s)  der  holländischen  Schule “

(Hofstede de Groot, Beschreibendes und kritisches Verzeichnis der Werke der hervorragendsten holländischen Maler des 17. Jahrhunderts, Bd. VII [1918], S. 360). Und der große Bode ruft zu van der Neer im Rahmen seines Elitecorps der Meister der holländischen und vlämischen Malerschulen jenes Jahrhunderts Arnold Houbraken (1660-1719) mit den Worten in den Zeugenstand „… und ist berühmt geworden durch sorgfältig ausgeführte Landschaften, insbesondere durch Landschaften bei Mondschein“ (Bode, 2. Aufl., 1922, S. 199).

Und Bode seinerseits resümiert:

„ … umso feiner ist die tonige Lichtwirkung, umso reicher der sehr gewählte Aufbau. Ein Fluß oder ein Kanal, der sich weit in die Landschaft hineinzieht, gibt den Bildern Tiefe und pikante Perspektive … Will man sich über die Eigenart des Künstlers klar werden, tut man gut, ihn mit dem Größten zu vergleichen. Rembrandt läßt, wie in seinen Innenräumen so auch in seinen Landschaften, unter denen uns gerade eine merkwürdige Mondscheinlandschaft mit der Ruhe auf der Flucht vom Jahre 1647 erhalten ist (in Dublin; Schwartz, Rembrandt. Sämtliche Gemälde in Farbe, Stgt. 1987, Nr. 276), einen hellen Lichtstrahl in das alles überdeckende Dunkel fallen. Aert van der Neer verfährt dagegen umgekehrt; er setzt dunkle Schatten in die allgemeine Helligkeit, selbst in seinen Mondscheinbildern, deren Helligkeit er im Interesse der Klarheit der Schatten und der Bildmäßigkeit möglichst steigert … In der magischen Wirkung des Effektes übertrifft dadurch Rembrandt den Genossen bei weitem,

aber  wahrer  und  mannigfaltiger  ist  van  der  Neer .

Niemand hat diese eigentümlichen Beleuchtungen und ihre Wirkung auf die Landschaft so studiert, eine Fülle der feinsten Beobachtungen, so reizvolle Stimmungen zum Ausdruck gebracht … Dadurch bieten die gleichen Motive bei näherer Betrachtung die größte Abwechselung “

(Bode, a. a. O., SS. 204 ff.).

„ Bei den Nachtbildern ist es fast ausnahmslos der ziemlich tief stehende Vollmond, der … auf dem Wasser und den Fenstern der Gebäude Reflexe hervorzaubert. Es sind die späten Abendstunden des Herbstes und des Frühlings dargestellt, an denen der Mensch noch im Freien arbeitet, solange die Dunkelheit noch nicht vollständig eingetreten ist …

Das  hier  geschilderte  Stoffgebiet

wird  von  v.  d.  Neer  beherrscht  wie  von  keinem  anderen .

Er ist der beste Mondscheinmaler der holländischen Schule und in den Winterlandschaften erreicht ihn nur Jacob van Ruisdael, übertrifft ihn nur Rembrandt in dem einzigen kleinen Winterbild, das wir von ihm besitzen (in Kassel; Schwartz, a. a. O., Farbabb. 289) … Einen besonderen Reiz verleiht er seinen Schöpfungen auch durch die Spiegelungen des Lichtes auf dem Wasser … und auf Allem, was überhaupt das Licht reflektiert “

(Hofstede de Groot, a. a. O., SS. 360 ff.).

Hier  denn  auch  eine  solche

„ vom  Licht  durchdrungene  Mondnacht “

wie erst in den 50ern gelungen, dabei frei von der wieder zunehmenden Schwärze „wie (bei) viele(n) Werken aus den späten Jahren“ (Bachmann, Aert van der Neer, 1982, SS. 47 + 142 ) und nur mit einem Schieter als anekdotischem Zugeständnis an eine neue Gegenwart bis hin zu dessen provokativem Blickkontakt zum Betrachter :

Die  Flußlandschaft  bei  Mondschein

der

Sammlungen  Maas – Fürstenberg (?) – Zingel

Gesehen von ziemlich hohem Standort mit von vorn links kommendem und rechtwinklig breit ausufernd in die sich verjüngende Ferne des Mittelgrunds führendem , beidseits von Ufern begleitetem Fluß, über dem ziemlich hoch der volle Mond mit Hof steht, dessen Licht sich im auslaufenden Wasser vor durchgehendem dunklen, von einzeln wie büschelförmig arrangiertem Schilf- + Schwertlilienrepoussoir durchsetzten Landstreifen spiegelt. Zahlreiche sich in der Ferne verlierende Fischerboote, meist unter Segel, und Kähne, vier deren letzteren groß im Vordergrund wie auch ein aufgetakelter Zweimaster – so nicht zwei dicht an dicht liegende Einmaster, siehe unten – hinter der Landzunge des dominant erhöht liegenden linken Ufers, zu dem  vier  breite  Stufen  freitreppenartig  emporführen  und dessen über drei unterschiedliche große reetgedeckte Häuser/Katen aufragendes frisch und dicht belaubtes, oben bogig zusammengefaßtes mächtiges Baumwerk nahezu die ganze Bildhöhe einnimmt. Vor den Häusern nach links wandernder Mann mit Stock, begleitet von seinem Hund, während eine Frau mit einem Geschirr im Begriff steht, die breit gelagerte vorderste Kate zu betreten, indes ein Fischer mit Haken und übergeworfenem Zeugs, ins Bild hineingehend, der oberhalb besagten Zweimasters gezogenen Stakete zustrebt, über der weiteres zum Trocknen liegt.

Auf dem flachen rechtsseitigen Ufer mit seinen Landzungen zurückgesetzt ebenfalls ein Anwesen sowie Durchblick auf eine mutmaßliche Ortschaft. Als Repoussoir hier namentlich vorn ein bescheidenerer höherer Baum nebst seitlichem hohen, vom Winde gebrochenem nahezu abgestorbenen Baumstamm. Reich die übers ganze Bild verteilte Figuration jedweder Größe an Land und in den Booten, teils einschlägig beschäftigt, so der Fischer im Kahn ganz vorn rechts mit seinen Fischreusen. Der Schietwetter ankündigende Hof des Mondes könnte seinen Part in dem im Mittelgrund vorn vor seinem Boot sitzenden und ins Wasser schietenden Fischer haben.

Öl auf Eichenholz. 45,6 x 63,2-63,4 cm. In aufgefrischtem Modellrahmen von wohl um 1920.

Angebots-Nr. 14.800 / umfassend recherchierte Detail-Dokumentation auf Anfrage

Gab der Vorspann zur Snyders-Gedenk-Offerte Anlaß, an dessen großzügiges Testament zu erinnern, mit dem der fürstliche Maler, verstorben in seinem bezeichnenderweise fortuyne genannten Hause in der Antwerpener Keizerstraat, umsichtig an alles und jeden gedacht hatte, so bleiben für van der Neer das Nachwort ärmlichsten Sterbens in einer Amsterdamer Dachkammer und der Hinweis, daß die Kinder die Erbschaft nur unter Vorbehalt antraten. Hatten sich die Reichen schon zeitlebens nach Snyders’ sälefüllenden glanzvollen Stilleben und Tierstücken verzehrt, so scheint van der Neer sicherlich auch bessere Tage gesehen zu haben – „Vorzügliche Bilder auch im großen Format wurden von ihm selbst … wiederholt, weil sie Anklang bei den Käufern fanden“ – , bevor ein veränderter Zeitgeschmack ihn abdrängte und

„ Erst  nach  seinem  Tode  wurde  sein  Werk  hochgeschätzt .

Da  bemühten  sich  die  Sammler  und  die  fürstlichen  Galerien

um  eine  Mondscheinlandschaft ;

die  Preise , die  dafür  bezahlt  wurden , gingen  in  die  Höhe …

  Seine Kunst war damals weit bekannt; man sprach in Holland von ‚maaneschijntjes‘ und ‚wintertjes‘ und in Deutschland von ‚Tag-van-der-Neers‘ und von ‚Nacht-van-der-Neers‘. Auch Goethe hatte davon eine genaue Vorstellung. In einem Briefe vom 30. Mai 1787 aus Neapel und in seinem Bericht von der Reise an Rhein und Main (1814-15) erwähnt er den Künstler besonders “

(Bachmann, a. a. O., SS. 11 + 15).

Und dieser postume Ruhm blieb wie der des Frans Snyders von Dauer. Dort des goldenen Jahrhunderts „bedeutendste(r) Stilleben- und Tiermaler der flämischen“, hier der „beste Mondscheinmaler der holländischen Schule“. Als Undiskutierbare dienen beide in Bode’s Elitecorps. Die Unterschiede ihrer Leben – die Zeit hat sie eingeebnet, die Größe ihrer Œuvre sie vereint.


“ Received the Heron Hawking today, it is exceptionally nice. Thank you for packing so carefully … ”

(Mr. L. A. F., December 6, 2005)